Offener Brief: Massive Vorwürfe gegen Kuhn

Erstmals melden sich in der Causa Kuhn Künstlerinnen namentlich zu Wort. Fünf Musikerinnen klagen in einem offenen Brief sexuelle Übergriffe und Missbrauch durch Gustav Kuhn, den künstlerischen Leiter der Festspiele Erl, an. Kuhns Anwalt weist die Vorwürfe zurück.

Von „anhaltendem Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen“ durch Kuhn während ihres Engagements bei den Festspielen Erl sprechen die fünf ehemaligen Künstlerinnen in dem offenen Brief. Die fünf Frauen waren zwischen 1998 und 2007 bei den Festspielen beschäftigt. Den Brief richteten sie am Mittwoch an Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner.

Der offene Brief

Der Brief wurde heute Hans Peter Haselsteiner und Medien zugestellt.

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Violinistin Aliona Dargel aus Weißrussland, die Sopranistin Bettine Kampp aus Deutschland, Violinistin Ninela Lamaj aus Albanien/Italien, Mezzosopranistin Julia Oesch und Sopranistin Mona Somm, beide aus der Schweiz, wollen mit dem Brief auch weitere Betroffene auffordern, sich zu „gemeinsamem Handeln zusammenzuschließen“, erklärten die Frauen in dem Brief.

Unerwünschte Küsse und keine Rollen als Strafe

Erstmals wenden sich Künstler direkt zu den Vorwürfen Kuhn gegenüber an die Öffentlichkeit. Die Musikerinnen beschreiben in dem Brief auch die Übergriffe: „Unerwünschtes Küssen auf den Mund oder auf die Brust, Begrapschen unter dem Pullover, Griff zwischen die Beine etc., von obszöner verbaler Anmache ganz zu schweigen. Immer wieder wurden die Grenzen der persönlichen Würde und des Respekts uns gegenüber missachtet und überschritten. Regelmäßig waren wir der ungehemmten Aggression des künstlerischen Leiters ausgesetzt.“ Das beschrieb eine der Künstlerinnen, die Schweizerin Julia Oesch, auch gegenüber dem ORF.

Seelische Gewalt an Tagesordnung

„Massive seelische Gewalt“, in Form von Mobbing, Demütigung und Schikane sei Alltag gewesen. Wer den Regeln Kuhns nicht weiter folgen wollte, wurde mit Repressalien und Ausgrenzung und zurückgerufenen Rollenaufträgen bestraft, klagen die Frauen an.

Die Unterzeichnerinnen zeigen sich empört, dass es trotz der Vorwürfe immer noch keine Konsequenzen für Kuhn gebe. Dieser Zustand sowie die Art, wie auf die bisherigen Vorwürfe reagiert worden sei, hätten die Frauen dazu bewegt, ihre eigenen Erfahrungen öffentlich zu machen.

Kuhn-Anwalt spricht von „Menschenjagd“

Kuhn hat die schweren Vorwürfe gegen ihn über seinen Anwalt zurückgewiesen und mögliche Klagen in den Raum gestellt. Sein Mandant werde sich gegen diese „Menschenjagd“ mit den Mitteln des Rechtsstaates zu wehren wissen, teilte Anwalt und Ex-Justizminister Michael Krüger der APA mit.

Die „Menschenjagd“ sei von den Künstlerinnen offenbar über Veranlassung des Bloggers Markus Wilhelm in Gang gesetzt worden, so Krüger. Die Frauen seien zum Teil schon viele Jahre nicht mehr in Erl aufgetreten oder deren Engagements aus künstlerischen Gründen nicht verlängert worden. Die Plattform „Art but fair“, die den Brief an die Medien aussandte, nannte Krüger „Unart und Unfair“.

Derart schwerwiegende Angriffe ohne jede Rückfrage und ohne Kenntnis der näheren Umstände zu veröffentlichen, sei schlicht verantwortungslos. Krüger verwies überdies auf eine Unterschriftenliste mit fast 150 Namen von Künstlern der Tiroler Festspiele Erl, in denen diese gegen die „unbewiesenen Anschuldigungen“ protestieren und Intendant Kuhn ihrer vollen Loyalität versichern würden.

LR Beate Palfrader: „Vorwürfe machen betroffen“

Kulturlandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) zeigte sich in einer Stellungnahme betroffen. „Die neuen Vorwürfe machen mich sehr betroffen, und wir nehmen diese sehr ernst. Bund und Land sind dazu bereits in engem Kontakt. Für uns sind volle Transparenz und Aufklärung wie bisher wichtig und selbstverständlich.“

Auch die Staatsanwaltschaft nahm den Brief zur Kenntnis. Es werde geprüft, ob es einen Anfangsverdacht gibt, der über die bisher erhobenen Vorwürfe hinausgeht, sagt Florian Oberhofer von der Medienstelle.

Nach der Beurteilung durch die Staatsanwaltschaft müssten umgehend weitere Schritte gesetzt werden, so Palfrader. Auch die Ombudsfrau Christine Baur sei über die aktuellen Vorwürfe informiert worden, so die Kulturlandesrätin.

SPÖ und Grüne fordern Konsequenzen

Sofortigen Handlungsbedarf sehen SPÖ und Grüne. SPÖ-Kultursprecher Benedikt Lentsch und Nationalrätin Selma Yildirim fordern Land und Bund zu Handlungen auf, Förderungen müssten abgestellt werden, so die SPÖ in einer Aussendung. Die Vorwürfe müssten ernst genommen werden, so Yildirim und Lentsch weiter.

Die Grünen fordern eine vorläufige Suspendierung Kuhns, bis es eine volle Aufklärung gebe, so der stellvertretende Klubobmann der Tiroler Grünen, Georg Kaltschmid, in einer Aussendung. Er bezeichnete die Vorwürfe als „massiv und glaubwürdig genug“.

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