Tiere statt Psychopharmaka im Altersheim

Wenn eine Bäuerin ins Altersheim übersiedelt, muss sie nicht darauf verzichten, im Hühnerstall Eier zu holen. Im Pflegeheim St. Josef in Grins sind Tiere, Kinder und Pflanzen Teil des Betreuungskonzeptes. Was Menschen früher wichtig war, soll durch den Umzug ins Heim nicht hinten bleiben.

Im Pflege- und Wohnheim St. Josef in Grins (Bezirk Landeck) leben 64 teils schwer pflegebedürftige alte Menschen, zwei Ponys, Enten, Hühner, Hasen, eine Katze und ein Hund miteinander. Das Pflegekonzept ist inspiriert durch die Eden-Philosophie, deren Ziel es ist, einen Lebensraum zu ermöglichen, der dem ursprünglichsten „Zuhause“ am ähnlichsten ist. Am Land ist der Alltag der Menschen geprägt durch ständigen Kontakt zu Tieren, Pflanzen und Kindern – und das ermöglicht auch das Leben im Haus St. Josef.

Tiere im Altersheim

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Der Hühnerstall ist so gebaut, dass er mit Rollator und Rollstuhl problemlos erreichbar ist.

Kuscheln statt Hygienezwang

Dass die Katze in der Nacht ins Bett einer Bewohnerin schlüpft, ist kein Hygieneproblem, sondern erwünscht. Morgens gehen die ersten Frauen zum Hühnerstall, um nachzusehen, ob es frische Eier gibt, untertags sind dann zwei Ponys zu versorgen, flauschige Hasen verlocken zum Streicheln. Auch Fische und Vögel wollen gefüttert werden.

Ländliche Normalität ins Heim bringen

Manchen Bewohnern fiel die Entscheidung für das Heim leichter, nachdem ihnen versichert wurde: Hund und Huhn bleiben Teil ihres Alltags.

Die Beschäftigung mit den Tieren ist in mehrfacher Hinsicht positiv: Tiere streicheln ist beruhigend, senkt den Blutdruck, fördert die Motivation. „Wenn sich jemand bückt, um die Katze zu streicheln, ist das eine Mobilisierung“, führt Pflegedienstleiterin Christine Wolf aus. „Eine sinnvolle Aufgabe, wie z.B. die Verpflichtung, ein Tier zu versorgen, drängt körperliche Schmerzen und Kummer in den Hintergrund.“ Studien würden sich auch mit der Frage beschäftigen, ob der Verbrauch von Schlafmitteln in Heimen durch dieses Betreuungskonzept verringert werden könnte.

Tiere im Altersheim

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Sich bücken, ohne es zu merken: Mobilisation durch Tiere statt verordnete Gymnastik

Mit Gerüchen an früher anknüpfen

Das „Gartln“ hat in der Altenpflege überall schon länger Einzug gehalten, auch im Haus St. Josef gibt es mehrere Hochbeete. „Der Geruch der Blumen wirkt aktivierend, besonders demente Patienten sprechen darauf gut an“, berichtet Wolf.

Altenpflege nach Eden

Die ganzheitliche Philosophie der Eden-Alternative, entwickelt in den 1990-er Jahren, beruht auf zehn Grundsätzen.

Überhaupt sei die Beschäftigung mit Pflanzen bei den Bewohnern sehr beliebt. Die dritte Konstante im Pflegekonzept sind Kinder – die gleich nebenan untergebrachte Kinderkrippe kommt zwei Mal wöchentlich ins Heim auf Besuch, und es gibt das Projekt „Lese-Opa“ und „Lese-Oma“.

Tiere im Altersheim

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Möglich sind die Haltung von Tieren und das Gärtnern im Altersheim durch eine gezielte Schwerpunktsetzung. Psychosoziale Betreuung ist wesentlich und bekommt Zeit, Routinetätigkeiten sind minimiert. Blutdruck-, Puls-, Fiebermessen finden nur sehr eingeschränkt statt. „Die Beschäftigung mit Tieren und Pflanzen bewirkt mehr als Medikamente“, rechnet Heimleiter Gottlieb Sailer vor. „Um das Geld, das ein Hasenstall kostet, bekomme ich Psychopharmaka nicht einmal für einen Tag – und der Effekt ist ungleich höher!“ Die 35 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen tragen das Konzept voll mit, wenn notwendig, fährt die Pflegekraft nach Dienstschluss mit einem kranken Vieh zum Tierarzt.

Ulrike Finkenstedt, tirol.ORF.at