Teamchef: Tirol reagiert skeptisch

Der ÖFB hat am Dienstag Marcel Koller als neuen Teamchef präsentiert und damit Fußballösterreich überrascht. In Tirol hält sich die Freude über diese Besetzung in Grenzen.

Leo Windtner mit dem neuen Teamchef

APA/Robert Jäger

Am Dienstag um 13.00 Uhr wurde Marcel Koller bei einem Pressetermin in Oberwart als neuer ÖFB-Teamchef präsentiert. Damit hat im Vorfeld niemand gerechnet. Dem 50-jährigen Schweizer kommt der Job jedoch sehr gelegen - seit zwei Jahren ist er arbeitslos. 2009 wurde er beim VfL Bochum trotz guter Arbeit entlassen, fünf Jahre davor vom 1. FC Köln nach dem Abstieg in die zweite Liga beurlaubt.

Die endgültige Entscheidung pro Koller wurde am Dienstagvormittag vom sechsköpfigen Direktorium des ÖFB unter Vorsitz von Präsident Leo Windtner getroffen, nachdem seine Bestellung schon am Montag durchgesickert und in den österreichischen Medien verbreitet worden war.

Josef Geisler

Gepa

TFV-Präsident Josef Geisler hat die Entscheidung Leo Windtners akzeptiert, kritisiert aber Entscheidungsfindung.

Ja aus Gründen der Loyalität

Mitglied im Direktorium ist auch der Präsident des Tiroler Fußballverbandes, Josef Geisler. Bei der Sitzung am Dienstag war er aber nicht dabei: „Und ich bin froh darüber, denn es handelt sich um eine reine Veranstaltung zum Abnicken.“

Dass der Name des Neo-Teamchefs schon am Vorabend der offiziellen Bekanntgabe publik wurde, ärgert den Vertreter des Westens ebenso. Auch mit der Bestellung Kollers scheint er nicht wirklich glücklich zu sein. Gegenüber tirol.ORF.at betont Geisler: „Der ÖFB-Präsident hat ein Vorschlagsrecht. Aus Loyalitätsgründen habe ich als Vertreter des Westens für den Vorschlag Leo Windtners gestimmt.“

Er hat eine Chance verdient, aber...

Wirklich viel anfangen können Tirols Fußballexperten mit dem Namen Marcel Koller nicht. Wacker-Trainer Walter Kogler reagiert demensprechend knapp auf die ÖFB-Entscheidung. „Eine sehr überraschende Entscheidung. Ich kenne die Kriterien nicht, die für seine Bestellung ausschlaggebend waren. Ich kann Koller nicht beurteilen, dafür bin ich zu weit weg.“

Roland Kirchler

APA/Herbert Pfarrhofer

Roland Kirchlers Favorit wäre Kurt Jara gewesen.

Für Wacker-Obmann Kaspar Plattner ist die Besetzung genauso wenig nachvollziehbar wie für den Ex-Nationalspieler und derzeiten WSG Wattens-Trainer Roland Kirchler. Beide hätten eine österreichische Lösung bevorzugt. Für Kirchler wäre Kurt Jara der optimale Teamchef gewesen, Plattner hätte an Didi Constantini festgehalten. Wenn schon ein Trainer aus dem Ausland, dann hätte es ein wirklicher „Kracher“ sein müssen, sind sich beide einig - nichts desto trotz hätte Koller jetzt eine Chance verdient, heißt es im Nachsatz.

Der derzeitige Co-Trainer der U-21 Nationalmannschaft, Michael Baur, hofft auf eine starke Nationalmannschaft unter Marcel Koller. Der Ex-Teamspieler hätte mit einer österreichischen Lösung aber ebenfalls sehr gut leben können, wie er im Interview mit Fred Lentsch betont.

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Gewisse Enttäuschung bei Kurt Jara

"Ich kann eigentlich nichts über Koller sagen, weil das schon sehr lange her ist. Es ist sicherlich eine gewisse Enttäuschung da. Das Anforderungsprofil hätte auf mich sicher besser zugetroffen, weil ich im Ausland mehr Erfolg hatte und mehr Titel geholt habe als Koller. Viele Leute haben mir zugesprochen und tun es jetzt auch noch, und sagen, du wärst der Beste gewesen.

Tcherchessov, Jara

APA/Robert Parigger

Kurt Jara - hier im Gespräch mit Stani Tschertschessow - zog gegen den „No-Name-Trainer“ Koller den Kürzeren.

Ich habe ein gutes Gespräch mit Alfred Ludwig geführt und eines mit Leo Windtner, das war mehr Kaffeeklatsch. Nach dem Gespräch habe ich gewusst, dass es sowieso nichts wird, deswegen war ich nicht so überrascht. Man muss jetzt abwarten, ob der Erfolg kommt. Wenn nicht, dann sollte man das nicht nur am Teamchef festmachen, sondern auch an den Entscheidungsträgern. Jetzt kommt für österreichische Verhältnisse ein No-Name-Trainer, da stößt man jeden heimischen Trainer vor den Kopf. Wenn ein Kapazunder gekommen wäre, das wäre etwas gewesen, ..."

Kein Kommentar zu Ruttensteiner

Dass der ÖFB-Sportdirektor und -Interimsteamchef Willibald Ruttensteiner künftig mehr Einfluss auf die Arbeit des Teamchefs nehmen und die Linie mehr als in der Vergangenheit vorgeben wolle, wollten die Experten in Tirol nicht kommentieren.

Zielvorgabe Kollers ist die Qualifikation für die WM-Endrunde 2014 in Brasilien. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte lehrt allerdings auch die Fußball-Laien, dass dieses Ziel hoch gesteckt ist. Sein Debüt auf der Trainerbank wird Koller am 15. November beim Länderspiel in der Ukraine geben. Wie er das Projekt Nationalteam angehen wird, lesen Sie in sport.ORF.at.