Die dreiköpfige Jury hat aus insgesamt 76 eingereichten Projekten 16 Bauten ausgewählt und auch persönlich besichtigt. Bei dieser zweitägigen Reise durch Nord- und Osttirol sei aufgefallen, dass sich gute Architektur vor allem in Kultur-und Sporteinrichtungen zeige, sagt Sonja Gasparin, die Sprecherin der Jury. Die Qualität im sozialen Wohnbau würde sie allerdings vermissen, bedauert die Kärntner Architektin aus Finkenstein am Faaker See.

Umbauen statt Abreißen
Die Jury entschied sich aus der Fülle der Einreichungen für vier Auszeichnungen, vier Anerkennungen und eine lobende Erwähnung. Bei dem seit 1996 alle zwei Jahre vergebenen Tiroler Landespreis gibt es keine thematischen oder typologischen Vorgaben. Jede Jury ist eingeladen, aktuelle Themen anhand der eingereichten Projekte selbst herauszufiltern.
Die Botschaft sei diesmal schnell klar gewesen, sagt Sonja Gasparin. Mit ihren beiden Kollegen Armando Ruinelli aus dem Schweizer Soglio und Florian Nagler, der an der TU München „Einfach Bauen“ lehrt, war sich Gasparin bald einig.
Wertschätzung des Vorhandenen
Die drei Architekt*innen setzten bei der Auswahl der Sieger-Projekte vor allem auf den schonenden Umgang mit den Ressourcen. In der Klimakrise sei das Bauen im Bestand ein Gebot der Stunde, betont Gasparin. In Tirol ist nur 13 Prozent der Fläche besiedelbar. Daher gilt es, mit dem raren und kostbaren Gut respektvoll umzugehen. Unter den vier Sieger-Projekten ist nur ein Neubau.
Weiterbauen wie früher
Alte Burgen, Schlösser und auch Bauernhöfe wurden im Laufe der Geschichte je nach Bedarf immer wieder umgebaut, Teile wurden abgerissen und andere erweitert. „In Zukunft werden immer mehr Bauten aus den 1970er, den 1980er und bald auch aus den 1990er Jahren umgenutzt und erweitert werden“, sagt Arno Ritter, der Leiter des Architekturzentrums aut.architektur und tirol in Innsbruck.
Transformationen seien nicht nur kostengünstiger sondern auch ökologischer, so Ritter. In Zukunft werden sich Architektinnen und Architekten immer öfter mit der Umnutzung von leerstehenden Industriebauten oder Einkaufszentren beschäftigen müssen.

Eine Burg, die weiter lebt
Die über Jahrhunderte gewachsene Burg Heinfels in Osttirol ist ein Paradebeispiel für eine gelungene Transformation. Bei der 2020 abgeschlossenen Revitalisierung zeigt sich die gute Zusammenarbeit zwischen Architekt Gerhard Mitterberger und Walter Hauser, dem Leiter des Tiroler Denkmalamtes. Zu Beginn entwickelten die beiden ein Gesamtkonzept, in dem sowohl die Burg als auch die Ruine ihre Rolle spielen. Die alte Substanz wurde von störenden Einbauten befreit und zeitgenössische Elemente wurden selbstbewusst hinzugefügt.
Alter Silo als neue Landmark
Aus einem alten Getreidespeicher in Hall in Tirol hat die ARGE obermoser + partner architekten mit Hanno Schlögl eine neue Landmark geschaffen. Der Jahrzehnte lang leerstehende Bau wird nun von der Firma Gutmann als Pelletsspeicher genutzt. Der alte Silo hat einen neuen Abschluss aus einer zarten Betongitterkonstruktion bekommen und ist auch abends weithin sichtbar.
Juror Florian Nagler lobt den verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen. „Bestand transportiert immer auch die Identität und die Geschichte eines Ortes.“

Umbauen ist das Neue Bauen
Den 1970er Jahre Bau der Innsbrucker HTL Bau und Design haben ao-architekten durch eine Aufstockung mit lichtdurchfluteten Räumen bereichert. Auch wenn vor allem Um- und Erweiterungsbauten diesmal ausgezeichnet worden sind, müsse man den Landespreis für Neues Bauen keineswegs umbenennten, betont Arno Ritter.
„Wenn man ein Gebäude neu interpretiert und technisch und atmosphärisch in die heutige Zeit transferiert, entsteht auch etwas Neues. Neu Bauen heißt nicht nur Neues zu bauen, sondern auch Altbestand neu zu interpretieren.“

Zusammenspiel zwischen Architektur und Landschaft
Das Steinbockzentrum in St. Leonhard im Pitztal von Rainer Köberl und Daniela Kröss ist der einzige Neubau unter den vier Sieger-Projekten. Juror Armando Ruinelli hebt das gelungene Zusammenspiel zwischen Architektur und Landschaft hervor. Der Bau steht wie ein Monolith am Hang und würde nur einen kleinen ökologischen Fußabdruck erzeugen, so Architekt Ruinelli.
Typische Tiroler Bauaufgaben
Unter den vier Anerkennungen sticht der Umbau eines alten Tiroler Stadels hervor. Jakob Siessl und Florian Schüller haben den 300 Jahre alten, verfallenen Schupfen neben dem Gröbenhof im Stubaital in liebevoller Handarbeit in ein kleines, feines Wohnhaus verwandelt.
Neue Ortszentren in verschiedenen Dimensionen schufen Thomas Mathoy Architekten mit der Erweiterung der Bezirkshauptmannschaft in Schwaz und Architekt Armin Neurauter mit dem intelligent positionierten Pavillon in Umhausen.
Das Team von „he und du“ mit Markus Danzl spielen beim Umbau des Restaurants der Lebenshilfe mit raumbildenden Vorhängen. Diese Intervention würde nicht nur die Akustik verbessern, sagt Sonja Gasparin, sondern auch verschiedene Atmosphären in allen Dimensionen der Nutzung schaffen.
Die Linderhütte als Höhepunkt
Die Rekonstruktion der Linderhütte in knapp 2700m Höhe in den Lienzer Dolomiten ist ein Liebhaberprojekt. Ein engagiertes Team von einigen Architekten aus Lienz hat die, durch einen Sturm zerstörte Schutzhütte, wieder aufgebaut. Es ist ein gutes Beispiel für das Bauen im Bestand. In das alte Gemäuer wurde eine vier mal vier Meter große Holzkonstruktion hinein gesetzt. Die Hütte konnte die Jury zwar wegen der langen Anmarschzeit nicht persönlich besichtigen, doch sie steht zu diesem Low-Budget-Gemeinschafts-Projekt im Hochgebirge.
Schweiz als Vorbild
Bei den Einreichungen aus dem sozialen Wohnbau würde sie die architektonische Qualität vermissen, bedauert Gasparin. Die Rahmenbedingungen und die strengen Normen würden gute Architektur in diesem Bereich kaum zulassen. Die wenigen eingereichten Einfamilienhäuser seien leer ausgegangen, weil das nicht die Zukunft des Wohnens widerspiegele, betont die Jurorin.
In der Schweiz sei man beim Thema Nachhaltiges Bauen schon wesentlich weiter. Demnächst soll eine Petition gegen den unhinterfragten Abriss im Schweizer Parlament eingereicht werden. „Da tut sich bei uns noch viel zu wenig“, kritisiert Gasparin. Es gäbe keine Förderungen und kein Bewusstsein in der Politik.

Sämtliche eingereichten Projekte sind bis zum 18. Februar im aut.architektur und tirol zu sehen.