Jugendliche mit Handys
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Jugendliche: Belastung durch Multi-Krisen

Die meisten Jugendlichen haben nach zwei Pandemie-Jahren durchaus Strategien zur Krisenbewältigung, so eine neue Studie. Dennoch gibt es psychische Belastungen durch multiple Krisen. Besserung ist laut Kathrin Sevecke, Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie Hall, nicht in Sicht.

Jugendliche sind wie die übrige Bevölkerung aktuell mit mehreren gleichzeitigen Krisen konfrontiert. Dennoch sei bei den meisten jungen Menschen nicht allzuviel Resignation zu spüren, so Beate Großegger, wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung, das die neue Studie „Generation Corona und die Arbeitswelt“ verfasst hat.

Die meisten Jugendlichen versuchen sich mit der Situation zu arrangieren und haben dabei einige Bewältigungsstrategien nach zwei Jahren Pandemie entwickelt. Unterstützung und Angebote brauche es dennoch, da immer noch viele Jugendliche unter psychischer Belastung leiden.

Dritter Pandemiesommer mit multiplen Krisen

Der dritte Pandemiesommer unterscheidet sich von den vorherigen durch seine multiplen Krisen: Neben Covid-19 sind die Inflation und der Ukraine-Krieg als Belastungen dazugekommen. Die Jugendlichen hätten jedoch nun aufgrund ihrer Erfahrung das „Rüstzeug zur Krisenbewältigung “, meint Großegger.

Trotzdem stellt die Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie Hall – Kathrin Sevecke, keinen Rückgang der zu behandelnden Fälle fest. So würden im Moment rund 90 Jugendliche auf eine stationäre Aufnahme in die Psychiatrie warten. „Alle Altersgruppen sind betroffen, quer durch“. Sevecke rechnet mit einem erneuten starken Anstieg an Betroffenen im Herbst.

Maskenpflicht in heimischen Schulen
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Die Jugendlichen haben mehrere Corona-Schuljahre hinter sich

Schon immer gleich geblieben sei die Freude der Jugendlichen an den Sommerferien, so Lukas Trentini und Martina Steiner, die Geschäftsführer von POJAT – der Plattform für Offene Jugendarbeit Tirol. „Natürlich freuen sich die Jugendlichen auf den Sommer. Die Sorge um den Herbst ist jedoch auch real, weswegen vor allem im Juli verstärkt Betreuungsmöglichkeiten angeboten werden“, so Trentini.

Kathrin Sevecke
privat
Kathrin Sevecke leitet die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall i. T.

Starker Fokus auf sich selbst und das Hier und Jetzt

Jugendliche im dritten Sommer der CoV-Pandemie hätten sich mit den Krisen arrangiert und auch eine Krisenroutine bekommen, so Jugendforscherin Großegger. Wie Jugendliche mit Krisen umgehen, könne man aber nicht verallgemeinern.

Einige finden Ausgleich in der Natur oder bei Freunden. Manche ziehen sich zurück oder surfen etwa im Internet. Laut Großegger würden sich auch viele Jugendliche verstärkt auf sich selbst konzentrieren und sich bei Krisendebatten ausklinken. „Zu Beginn der Pandemie hat man sich noch sehr mit den Medien auseinandergesetzt. Jetzt konzentriert man sich auf das Hier und Jetzt“, sieht die Forscherin einen Trend. Ein Grund dafür sei ein neues Selbstbewusstsein für sich Selbst und die eigenen psychischen Bedürfnisse, andererseits aber auch verlorenes Vertrauen in die Politik und Institutionen im Allgemeinen.

Von Stärkung durch Krisen bis Motivationsloch durch CoV

„Die Generation Z oder Corona ist nicht der große Problemfall, wie er oft in der öffentlichen Debatte dargestellt wird“, meint Großegger. Der Anteil, der motivierten Durchstarterinnen und Durchstarter, die sowohl im Beruf als auch im privaten Leben erfolgreich werden wollen, liegt bei 73 Prozent und ist damit nur leicht rückfällig in Bezug auf die Zeit vor der Pandemie. Diese Gruppe mobilisiert aktiv Energie, um positiv zu bleiben. „Jugendliche, die krisen-resistenter sind, gehen teilweise sogar gestärkt aus der Krise heraus“, sagt Großegger. Sie würden neue Fähigkeiten erlernen oder auch mehr Selbständigkeit bekommen.

Jugendliche sitzend auf einer Bank
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Gemeinsam durch die Krise: Freundschaften bieten Geborgenheit

Es geht jedoch nicht allen so: Jugendliche, die schon vor der Pandemie psychische Probleme hatten, sind teilweise in ein starkes Motivationsloch gefallen. So hat rund ein Viertel der 16- bis 19-Jährigen das Gefühl, in einem solchen festzustecken. Episoden der Lustlosigkeit haben auch jene, die eigentlich stark motiviert sind: „Motivationslöcher sind wie Sternschnuppen – sie treten manchmal auf und können aber bei jenen, die keine Probleme zuvor hatten, teilweise abgefangen werden“, so Großegger.

Gesteigertes Belastungsempfinden

Obwohl die CoV-bedingten Einschränkungen gelockert wurden, leiden junge Menschen zum Teil immer noch unter den Nachwirkungen. „Viele betreiben soziales Fremdeln“, so Großegger und hätten eine Tendenz zu Sozialphobien entwickelt. So berichtet knapp über ein Viertel der Frauen und 13% der Männer über Stimmungsschwankungen. Auch weit verbreitet seien Schlafstörungen oder ein erhöhtes Schlafbedürfnis, so die Studie. 30 Prozent der 16- bis 19-Jährigen sagen weiters, dass ihnen andere Leute schnell auf die Nerven gehen und knapp ein Viertel meint, dass sie sich in großen Menschenmengen unwohl fühlen würden.

Jugendpsychiaterin sieht noch keine Entspannung

Auch Sevecke spricht von vermehrten emotionalen Störungen etwa als Folge des Home Schooling: „Einige Jugendliche hatten Schwierigkeiten in den Alltag zurückzukehren“. Jugendliche seien ihrer Meinung nach nur insofern krisenroutinierter geworden, als sie nun wissen, wie man sich vor einer CoV-Infektion schützt oder wie man sich testet. „Besser mit ihren psychischen Belastungen umgehen, können sie nicht“, sieht die Jugendpsychiaterin einen weniger positiven Befund. Depressionen, Selbstverletzungen, Suizidalität und Essstörungen seien immer noch weit verbreitet unter jungen Menschen: „Man kann nicht von einer Besserung des psychischen Gesundheit sprechen“. Ein baldiger Rückgang an Fällen sei nicht in Sicht, aufgrund der multiplen Krisen und ungewissen Covid-Situation im Herbst, meint Sevecke.

Genrebild Depression
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Mädchen sind durch die verschiedenen Krisen stärker belastet als Burschen

Junge Frauen kämpfen mit stärkerer Belastung

Laut der Studie zeigen sich weibliche Jugendliche und junge Frauen stärker durch die multiplen Krisen belastet als Männer. „Diesen Trend konnte man schon über den gesamten Pandemieverlauf sehen“, so Großegger. Der geschlechterbedingte Unterschied hätte zwei Ursachen: Erstens würden junge Männer viel seltener ihre Gefühle und Ängste artikulieren als Frauen. Und zweitens seien Frauen auch objektiv mehr belastet gewesen. „Töchter wurden im Home-Schooling viel öfter herangezogen, um zum Beispiel auf die kleine Schwester aufzupassen“, erklärt Großegger. Außerdem fand in Beziehungen eine starke Re-Traditionalisierung der Geschlechterrollen statt, wovon junge Frauen stärker betroffen sind.

Ruf nach Unterstützungsangeboten

Bei der Frage, ob es mehr Unterstützungsangebote für Jugendliche braucht, sind sich Großegger und Sevecke einig. Ein niederschwelliges Angebot an Psychotherapieplätzen auf Kosten der Krankenkasse sowie das Fach psychische Gesundheit an den Schulen, betrachtet Sevecke als notwendig.

Großegger erachtet zudem die Schaffung von mehr Handlungsspielräumen für motivierte Jugendliche als wichtigen Schritt, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre neu erlernten Fähigkeiten und auch Selbständigkeit voll ausschöpfen zu können. Junge Menschen sehnen sich laut der Studienautorin besonders nach Sicherheit, etwa in der Arbeitswelt.

Lehrlinge bei der Ausbildung in  der Hauptwerkstätte Simmering
Wiener Linien / Thomas Jantzen
Jugendliche wollen Sicherheit am Arbeitsplatz

Aus der Jugendarbeit in Tirol gibt es die Erfahrung, dass selbstbestimmtes, autonomes Handeln ein großes Thema bei Gesprächen mit Jugendlichen ist, so die POJAT-Geschäftsführer. Sowohl ein gutes Arbeitsklima als auch ein gutes Verhältnis mit den Arbeitskolleginnen und Kollegen würde sich positiv auf die Motivation auswirken.

Mehr „Gemütlichkeit“ im Westen

Während sich aktuelle Studie des Instituts für Jugendkulturforschung bei den Belastungen kaum regionale Unterschiede zeigt, konnte bei den Entlastungsstrategien durchaus ein Ost-West-Gefälle in Österreich festgestellt werden. So sei der Westen und damit auch Tirol von einem stärkeren Lebensgefühl und auch von einer stärkeren Gemeinschaftsorientiertheit geprägt.

Grund dafür sei der aufrechterhaltene Traditionalismus im Westen. „Junge Leute aus Westösterreich sind stärker in gemeinschaftlichen Beziehungen wie Vereinen verankert und setzen vermehrt auf ein Wir-Gefühl“, erklärt Großegger. Im Gegensatz dazu seien Jugendliche im urbanen Raum stärker individualisiert.