Symbolbild: Mann mit vor Wut geballter Faust
ORF
ORF
Gesellschaft

Radikalisierung: Wenn die Wut kippt

Der Umgangston ist seit der Krise rauer geworden. Was, wenn aus einem Wortgefecht eine gefährliche Drohung und aus Überzeugung Gewaltbereitschaft wird? Expertinnen und Experten berichten auch hierzulande von Menschen, die sich radikalisiert haben.

Der Hass wird vor allem über die sozialen Medien geschürt – über Internet-Videos und über das Handy, besonders über den Nachrichtendienst Telegram. Die App lässt sich auf Smartphones, Tablets und PCs herunterladen und gilt unter ihren Nutzerinnen und Nutzern als besonders sicher. Hier vernetzen sich vermehrt auch radikale Gruppen, finden dort ihre Anhänger und hetzen auf.

Handy mit Telegram-Nachrichten-App
ORF

Telegram

Telegram ist ein kostenloser Nachrichtendienst. Neben Anrufen können dort auch Texte, Sprachnachrichten, Fotos, Videos und Dokumente ausgetauscht werden. Der Austausch ist verschlüsselt und kann optional als „geheimer Chat“ geführt werden.

Auch Tiroler Mitglieder radikaler Chats

Bis zu 1.800 Tirolerinnen und Tiroler dürften sich auf solchen Kanälen im Bereich Extremismus bewegen, schätzte das österreichische Institut für internationale Politik auf Anfrage des ORF Tirol. Darunter seien Impfgegner, Verschwörungstheoretiker und Rechtsextreme, hieß es. Die Dunkelziffer dürfte jedoch höher sein. Das Institut erforscht und beobachtet unter anderem die Themen Sicherheitspolitik und politische Gewalt in Österreich.

Die vermeintliche Anonymität, die Menschen online und in solchen Nachrichten-Apps zu haben glauben, lasse viele mutiger und aggressiver werden, berichtete auch der Verfassungsschutz der Tiroler Polizei. Würden Gewalttäter dann ausgeforscht und mit den Inhalten ihrer Postings konfrontiert, zeigten sie sich oft erstaunt und versuchten, die Vorwürfe herunterzuspielen, hieß es.

Hass im Web: Radikalisierung passiert oft online – im Internet am Computer
ORF
Hass entsteht oft im Internet

Radikalisierung beginnt schleichend

Radikalisierung beginne vor allem seit der Krise oft quasi lehrbuchmäßig, schilderte die Abteilung für Verfassungsschutz: Es fange mit Verschwörungstheorien an, mit esoterischen Gruppen, mit dem legitimen Wunsch nach persönlicher Freiheit, der dann aber oft im Tunnelblick ende.

Frauen und Männer seien von Radikalisierung gleichermaßen betroffen, erklärte die Beratungsstelle Extremismus, die auch Fälle in Tirol kennt. Meistens seien Betroffene um die 40 Jahre alt und hatten schon vor der Pandemie einen Hang zu Esoterik oder eine Affinität zu Alternativmedizin, hieß es. Oft werde zudem berichtet, dass sich diese Menschen in einer Krise befinden, etwa durch einen Jobverlust, durch Isolation oder eine Suchterkrankung. Sie verbrächten viel Zeit im Internet und schenkten klassischen Medien wenig Vertrauen.

Luftballon mit Verschwörungstheorie von Corona-Leugnerinnen und -Leugnern
ORF
Radikalisierung beginnt oft mit unhaltbaren Verschwörungstheorien

Die Beratungsstelle erklärte, dass sich seit der Pandemie oft verschiedene gefährliche Ideologien vermischten: So bewegten sich Betroffene etwa von einer anfänglichen Impfskepsis oder dem Leugnen des Coronavirus hin zu einer generellen Feindseligkeit gegenüber Eliten oder Einzelpersonen, bis hin zu antisemitischem Gedankengut. Gerade rechtsradikale Gruppen würden die derzeitige Angst und Verunsicherung deshalb auch ausnutzen, um ihre eigene politische Agenda und Propaganda durchzusetzen.

Angriffe und Morddrohungen

Ein Abrutschen in den Rechtsextremismus sei in Tirol derzeit seltener als im Osten Österreichs, berichtete der Verfassungsschutz der Tiroler Polizei. Oft kämen sogar Veranstalter von Demonstrationen auf die Einsatzkräfte zu, um darum zu bitten, Menschen mit radikaler rechter Gesinnung aus der Menge zu entfernen. Von großen, organisierten Gruppen könne keine Rede sein, Einzelfälle gebe es aber auch hierzulande. Auch habe es versuchte Angriffe auf Personal in Tiroler Test- oder Impfstraßen gegeben. Sicherheitskräfte wurden nötig, um die Ärztinnen und Ärzte zu schützen.

Kurz vor dem letzten Lockdown und seit der Ankündigung der Impfpflicht sei der Ton auch in Tirol generell aggressiver geworden, bestätigte der Tiroler Leiter des Verfassungsschutzes. Auch Morddrohungen gegen Tiroler Ärztinnen, Politiker und die Landesregierung seien ausgesprochen worden. Dieses Delikt der „gefährlichen Drohung“ kann – je nach Vorstrafen und Umständen – bis zu ein Jahr Freiheitsstrafe nach sich ziehen.

Sicherheitspersonal in einer Impfstraße
ORF
Security-Kräfte schützen inzwischen das Personal in den Impfstraßen

Angehörige und ArbeitskollegInnen suchen Hilfe

Radikalisierung werde oft von Angehörigen, Lehrerinnen und Lehrern, oder aber Arbeitskolleginnen und Kollegen bemerkt, erzählte die Leiterin der Beratungsstelle Extremismus, Verena Fabris. Kinder, Partner oder Freundinnen fragen dort um Hilfe, weil sie merken, dass jemand gefährliche Ideen spinnt. Ungefähr vier Prozent dieser Anrufe kommen aus Tirol. Seit der Pandemie habe das Thema Verschwörungserzählungen stark zugenommen und machte im letzten Jahr ein Viertel aller Erstkontakte aus, betonte die Expertin.

Radikalisierung sei mit der Pandemie in den unterschiedlichsten Milieus und quasi „in der Mitte“ angekommen, was Einkommen, Bildung oder auch politische Gesinnung angehe, unterstrich ihr Kollege Dieter Gremel. Das liege auch daran, dass diese neue Art von Radikalisierung nicht zwingend ideologisch motiviert sei, sondern aus einer emotionalen Betroffenheit erwachse, die sich eben durch alle Schichten ziehe.

Die Leiterin der Beratungsstelle Extremismus, Verena Fabris
ORF
Die Beratungsstelle Extremismus hilft Angehörigen, die eine Radikalisierung mit Sorge beobachten

Sichtwechsel oft kaum möglich

Da beginnende Radikalisierung mit so viel Emotion einhergehe, sei es schwierig, Gefährdeten mit einer rein inhaltlichen Argumentation vor Augen zu führen, welchen bedrohlichen Ideen sie nacheifern. Das führe in vielen Fällen ganz im Gegenteil eher zu einer Verhärtung der Meinung und noch mehr Widerstand, warnte Gremel.

Es sei daher eher sinnvoll, Fragen zu stellen und dem anderen respektvoll und neugierig zu begegnen. Wenn möglich, solle der Kontakt zu Betroffenen aufrecht erhalten und noch verbliebene Gemeinsamkeiten betont werden. Es brauche dann auch Raum für andere Themen, rieten die Expertinnen und Experten. Bei besonders schockierenden Aussagen dürfe und solle man aber Position beziehen und Dinge, etwa rechtsextremistische Ansichten, auch beim Namen nennen. Ein Kontaktabbruch stelle schließlich die „Ultima Ratio“ dar, um sich selbst zu schützen, hieß es.