Vermisstendatenbank
ORF
ORF
Soziales

Abgängigkeit ist eine große Belastung

Mehr als 100 Langzeitabgängige gibt es in Tirol. Teilweise reichen die Vermisstenanzeigen in die 1960er Jahre zurück. Diese Menschen sind spurlos verschwunden. Abgängigkeit bedeutet eine große Herausforderung für die Einsatzkräfte, aber besonders für die Angehörigen.

Zwischen 500 und 600 Abgängigkeitsanzeigen bearbeitet die Polizei in Tirol jährlich. Darunter sind viele Jugendliche, die kurzzeitig vermisst werden und meist wieder auftauchen. Allerdings gibt es auch rund 100 Langzeitabgängige. „In Tirol trifft dies derzeit auf mehr als 100 Personen zu. Diese Vermisstenanzeigen können bis in die 1960er Jahre zurückreichen“, schildert Katja Tersch, die Leiterin des Landeskriminalamtes (LKA) Tirol.

Das Kriminalamt fahndet nach vermissten Personen

In der Datenbank des Bundeskriminalamtes sind Personen ausgeschrieben, die vermisst sind. Als langzeitabgängig gelten Menschen, die seit mehr als einem Monat verschwunden sind. „Es gibt Personen, die klassisch Zigaretten holen wollten und nicht mehr auftauchten. Aber es gibt auch solche, und das ist der Großteil, denn dafür ist Tirol mit seiner Bergwelt prädestiniert, die aus dem alpinen Gelände nicht mehr zurückkehren, also Wanderer und Skitourengeher“, sagt Katja Tersch vom LKA.

Vermisster Mann
ORF
Seit 5. März 2021 wird dieser Mann aus Absam vermisst. Er war auf einer Wanderung im Halltal unterwegs und ist nicht mehr zurückgekehrt.

Schwierige Ermittlungsarbeit

Mit der Vermisstenmeldung bei der Polizei beginnt auch die Ermittlungsarbeit. „Es wird gefragt, was der Grund für die Abgängigkeit sein könnte. Ist es eine Bergtour, hat es Streitereien gegeben oder Suizidankündigungen oder den Verdacht auf Suizid“, so Tersch. Es sei ein sehr weites Spektrum, das von der Polizei geprüft werden müsse. Und je nachdem würden auch die Ermittlungs- und Fahndungsschritte gesetzt, sagt die Kriminalistin.

Katka Tersch, Leiterin LKA Tirol
ORF
Die Leiterin des Landeskriminalamtes Tirol, Katja Tersch, ermittelt bei abgängigen Personen.

Es müssten am Anfang sehr viele Fragen gestellt werden und versucht werden, Hinweise zu finden, was der tatsächliche Grund für das Verschwinden sein kann. „Und da kann bei den Angehörigen durchaus der Eindruck erweckt werden, dass die Polizei nichts oder zu wenig unternehme. Allerdings müssen aufgrund der rechtlichen Grundlagen die Hintergründe des Verschwindens abgeklärt werden“, sagt die Leiterin des Landeskriminalamtes.

Klare gesetzliche Regelung

Gesetzlich ist ganz klar geregelt, wann ein Erwachsener als abgängig gemeldet werden kann. Es muss ein Grund vorliegen, beispielsweise der Verdacht auf einen Unfall oder auf ein Verbrechen. Und das herauszufinden, sei die Schwierigkeit bei Vermisstenanzeigen. „Denn grundsätzlich kann sich jeder Erwachsene aufhalten, wo er oder sie möchte. Und er muss dabei niemanden in Kenntnis setzen“, so Tersch. Es komme auch vor, dass Abgängige irgendwann im Ausland wieder auftauchen. Wenn sie keinen Kontakt mehr zu ihren Angehörigen haben möchten, muss das akzeptiert werden. Und das sei schwer für die Vermissenden, die mit vielen offenen Fragen zurückbleiben.

zwei Bergretter mit Suchhund in winterlichem Wald
ZOOM.TIROL
Viele Sucheinsätze nach vermissten Personen finden im alpinen Gelände statt.

Anders gestaltet sich die Abgängigkeit bei Minderjährigen. Da wird nach einer Anzeige des Erziehungsberechtigten gesucht.

Vermissende erleben Traumata

Angehörige von vermissten Personen durchleben wahre Traumata. „Die Situation des Vermissens würde ich aus meiner Erfahrung in der Krisenintervention als eine der belastendsten für Angehörige sehen“, schildert Pia Andreatta, Psychologin an der Universität Innsbruck.

„Das Warten ist unerträglich. Die Menschen sind in unglaublichen Erregungszuständen. Sie können nicht essen, nicht schlafen, sind vollkommen aufgelöst“, so die Psychologin. Das Wichtigste sei hier Information. „Wann wird wo, wie genau gesucht“, das müssten die Angehörigen unbedingt erfahren und somit an den Sucheinsätzen beteiligt werden. „Auch wenn es nichts Neues gibt, müssen sie darüber informiert werden“, sagt Andreatta. Es brauche einen genauen Austausch zwischen Angehörigen und den Einsatzkräften.

Pia Andreatte, Psychologin
ORF
Die Psychologin Pia Andreatta lehrt an der Universität Innsbruck und war lange Zeit in der Krisenintervention tätig.

Besonders wenn eine Suchaktion abgebrochen wird, sei das eine enorm belastende Situation für die Vermissenden. „Sie fühlen sich alleine gelassen und isoliert, die Einsatzlogik widerspricht der Logik von Angehörigen“, beschreibt die Psychologin die Gefühlslage der Betroffenen.

Ein normales Leben führe kein Vermissender mehr. Eher sei es so, dass Vermissende irgendwann Aspekte finden würden, irgendwie weiterzuleben – einen Modus, um zur überleben, schildert die Psychologin.

Beamte werden geschult

In der Ausbildung der Polizeibeamten werde genauestens drauf eingegangen, dass der Umgang mit Angehörigen sehr herausfordernd ist und der Hintergrund oft sehr komplex.

„Es ist unheimlich schwierig, sich in so eine Situation zu versetzen, weil es eine riesige Belastung für Angehörige sein muss. Ein Mensch, mit dem man bis vor kurzem im gemeinsamen Haushalt gelebt hat, und dann verschwindet er von einer Sekunde zur anderen, und man weiß nicht, was mit dieser Person ist“, sagt Katja Tersch vom LKA.

Akten werden immer wieder durchforstet

Die Ermittlungsakten in Fällen von Personen, die seit langem abgängig sind, werden immer wieder durchforstet. Auch mit den Angehörigen werde immer wieder geschaut, ob sich etwas Neues ergeben habe. „Allerdings wird es, je mehr Zeit vergeht, immer schwieriger, Hinweise zu bekommen“, sagt die Leiterin des Landeskriminalamtes.

Hinweise auf den Verbleib abgängiger Personen können bei jeder Polizeidienststelle abgegeben werden.