Traurige und gestresste Frau mit Maske
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Soziales

Frauen als Verliererinnen der Krise

Die Pandemie trifft Frauen ungleich härter: Systemrelevante Jobs lasten zum Großteil auf ihren Schultern. Homeoffice und Kinderbetreuung sowie unbezahlte Aufgaben wie Pflege und Hilfe beim Distanzlernen erhöhen die Belastung zusätzlich.

Über zwei Drittel der systemrelevanten Arbeitskräfte in Österreich sind Frauen. So sind etwa 88 Prozent der Beschäftigten in Betreuungsberufen weiblich, beim Gesundheitspersonal sind es rund 82 Prozent, im Lebensmittelhandel gut 71 Prozent. Regalbetreuerinnen, Pflegerinnen, körpernahe Dienstleisterinnen oder Reinigungskräfte sind zu Beginn der Pandemie noch als „Heldinnen der Krise“ gepriesen worden. Von diesem Lob sei allerdings nichts geblieben, kritisierte die ÖGB Frauen-Beauftragte Daniela Meichtry:

Daniela Meichtry, Frauenbeauftragte des ÖBG Tirol
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Die Frauenbeauftragte des ÖGB Tirol, Daniela Meichtry

„Am Anfang sind die Frauen beklatscht und in der Öffentlichkeit hochgelobt worden. Letztendlich haben sie aber keine nachhaltige finanzielle Abgeltung bekommen. Auch der vom ÖGB geforderte Tausender wurde vergessen“, so Meichtry. Bedienstete einiger Tätigkeitsfelder bekamen einen Geldbonus für ihren Einsatz während der Krise. Allerdings gab es diese Entschädigung nicht für alle Betroffenen und auch nicht mehrmals – mehr dazu in CoV-Bonus nicht für alle Heimmitarbeiter.

Frau arbeitet im Supermarkt als Systemerhalterin
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Zwei Drittel der Arbeitskräfte in systemrelevanten Berufen sind Frauen

Frauen halten das System am Laufen

Die meisten der sogenannten „systemerhaltenden Tätigkeiten“ können nicht von zuhause aus verrichtet werden. Viele erfordern zudem viel Kontakt mit anderen Menschen und teilweise auch große körperliche Nähe. Durch die Pandemie sind diese Arbeiterinnen daher einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt. Dazu kommen psychische und körperliche Belastungen, etwa durch die angewachsenen, zu bewältigenden Aufgaben oder das stundenlange Tragen von Masken.

Dennoch sind diese Berufe vergleichsweise schlecht bezahlt. So verdienen etwa jene fünf Gruppen der systemrelevanten Berufe mit dem höchsten Frauenanteil weniger als den Durchschnittslohn – davon betroffen etwa Putzerinnen, Kassiererinnen, Alten- und Behindertenbetreuerinnen, Kindergärtnerinnen und medizinische Assistentinnen. „Überall wo viele Frauen arbeiten und kaum Männer mitarbeiten, sind die Branchen schlecht bezahlt“, urteilte Meichtry. Dementsprechend geringer fällt dann auch das Arbeitslosengeld aus.

Massive Frauenarbeitslosigkeit

Seit Beginn der Krise haben viele Frauen ihre Arbeit verloren. Im Februar 2021 ist die Arbeitslosigkeit bei den heimischen Frauen im Vergleich zum Vorjahr um satte 267 Prozent gestiegen, wie AMS-Zahlen zeigen. Bei den Tiroler Männern betrug der Anstieg 98 Prozent. Das sind die höchsten Werte im Bundesländervergleich. Als besonders betroffene Branchen gelten Tourismus, Handel und Gastronomie, also Branchen, in denen generell überdurchschnittlich viele Frauen beschäftigt sind – mehr dazu in Extrem hohe Frauenarbeitslosigkeit.

Arbeitslose Frau am AMS-Computer
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Viele Frauen haben durch die Krise ihren Job verloren

Doppel-, Dreifach- und Vierfach-Belastungen

Wie bei den System-Berufen fallen auch private Pflegetätigkeiten größtenteils (rund 70 Prozent) immer noch Frauen zu. Zahlen der OECD zeigen, dass Frauen im Schnitt insgesamt täglich zwei Stunden länger unbezahlt arbeiten als Männer – etwa, indem sie Kinder betreuen oder sich um pflegebedürftige Angehörige oder den Haushalt kümmern. Geschlossene Betreuungseinrichtungen und Homeschooling haben diese Aufgaben seit der Krise deutlich anwachsen lassen.

Zahlen der WU und der Arbeiterkammer belegen, dass Alleinerzieherinnen mit knapp 15 Stunden auf die meisten Stunden pro Tag kommen. Rund neun Stunden davon entfallen auf unbezahlte Kinderbetreuung. Oft muss diese Arbeit neben dem Homeoffice gestemmt werden. Auch Frauen in Paarhaushalten mit Kindern kommen auf rund neuneinhalb zusätzliche unbezahlte Arbeitsstunden. Die Väter in solchen Familien arbeiteten im Vergleich dazu täglich etwa eine halbe Stunde weniger unbezahlt.

Eine Schülerin beim Homeschooling bzw. Heimunterricht mit ihrer Mutter
APA/ERWIN SCHERIAU
Kinderbetreuung und gleichzeitiges Homeoffice bringen viele Frauen an Belastungsgrenzen

Psychische Belastung ist gewachsen

„Kindererziehung, Hausarbeit, die Pflege kranker Familienmitglieder – all das wird nach wie vor meist von Frauen erledigt und zwar gratis. Daher sind viele Frauen teilzeitbeschäftigt, weil sie das alles nicht mehr unter einen Hut bekommen“, erläuterte Daniela Meichtry. „In der Krise ist dann noch das Homeoffice dazugekommen, sodass die Frau von daheim aus arbeiten muss – und nebenbei oft noch die Lehrerin für die Kinder sein soll“, so die ÖGB-Frauenbeauftragte.

Claudia Birnbaum von „Frauen im Brennpunkt“
FIB/Klinger
Die Geschäftsführerin von Frauen im Brennpunkt, Claudia Birnbaum

Auch der Tiroler Verein Frauen im Brennpunkt (FIB) berichtete, dass seit Beginn der Pandemie immer mehr Betroffene Beratung und Hilfe bräuchten: „Wir spüren eine ganz große und deutliche Veränderung. Wir haben die Beratungskapazitäten im Frauen-Berufszentrum um das Eineinhalbfache aufgestockt. Auch die Onlineberatung hat sich von 2019 auf 2020 bereits verdoppelt. Und alleine im ersten Quartal 2021 haben wir jetzt schon so viele Anfragen, wie 2020 auf das ganze Jahr verteilt“, bilanzierte die FIB-Geschäftsführerin, Claudia Birnbaum.

Frauen suchten sich leider oft erst spät Unterstützung: „Frauen glauben, sie müssen gut funktionieren und nehmen erst dann Hilfe in Anspruch, wenn es gar nicht mehr anders geht und sie kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Sie kommen zu uns mit Existenzängsten, oft durch einen Arbeitsverlust. Dazu kommt die psychische Belastung, da die seelische Gesundheit massiv leidet, weil die Frauen den Großteil des gestiegenen Drucks auffangen“, so Birnbaum.

Frau traurig gestresst Trauer
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Auf den Schultern der Frauen lastet seit Beginn der Krise mehr als vorher

Sendungshinweis:

„Frauen als Verliererinnen der Krise“: Freitag, 12.03.2021, ab 19.00 Uhr in Tirol heute

Nora Resch von „Frauen im Brennpunkt“
FIB
Studiogast ist Nora Resch von Frauen im Brennpunkt

Altersarmut als Spätfolge

Viele Frauen haben im Laufe der Krise ihre Arbeitszeit reduziert oder gekündigt, um alle zusätzlichen Aufgaben zu schultern. Das dränge sie in alte, eigentlich bereits abgelegte Rollenbilder zurück, erklärte Birnbaum: „Es wird lange dauern, bis dieser Rückschritt, der jetzt entsteht, wieder aufgeholt ist. Wenn eine Frau ihre Existenz selbst nicht mehr sichern kann, gerät sie zudem in eine finanzielle Abhängigkeit in ihrer Beziehung, in ihrer Partnerschaft, aus der sie nicht mehr so leicht herauskommt.“

Die derzeitige Krise erzeuge daher durchaus dramatischen Spätfolgen, beschrieb Daniela Meichtry vom ÖGB das Dilemma: „Es zieht sich wie ein roter Faden durch das Arbeitsleben. Prekäre Arbeitsbedingungen führen zu einem prekären Leben. Wenn Frauen schlecht verdienen und diese Pausen in ihrem Beruf machen müssen, sind sie letztendlich dann auch in der Pension arm“, so die Gewerkschafterin.

Um die Tiroler Frauen in der Pandemie zu unterstützen, fordert der ÖBG Tirol einen Mindestlohn von 1.700 Euro, eine Anhebung des Arbeitslosengeldes und bessere Möglichkeiten zur Kinderbetreuung. Ändere sich im System nichts, so die Befürchtung, werden die Tiroler Frauen noch lange unter den Langzeitwirkungen der Krise leiden.