Junge Frauen kreiden Sexismus auf öffentlichen Plätzen an
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Soziales

Initiative prangert Sexismus öffentlich an

Die Initiative „Catcalls of Innsbruck“ will Sexismus im öffentlichen Raum sichtbar machen. Unter Catcalls versteht man Sexualisierungen oder Reduzierungen von Personen auf ihren Körper. Solche verbalen sexuellen Belästigungen im öffentlichen Raum sind in Österreich nicht gerichtlich strafbar.

Sexismus ankreiden und sichtbar machen – so lautet das erklärte Ziel der Initiative. Eine Gruppe Studierender sammelt in Innsbruck seit vergangenem Herbst Erfahrungen, die Frauen und Männer mit verbaler sexueller Belästigung gemacht haben. Die Wörter, Sätze oder kurzen Geschichten werden von den Frauen mit Kreide auf den Asphalt geschrieben.

„Es passiert jeden Tag, dass vor allem Frauen aber auch Männern hinterhergerufen wird, sie schief angeschaut werden oder sie richtig hässliche Kommentare zu hören bekommen. Genau das möchten wir sichtbar machen“, erklärt die Aktivistin Paula Jorge. Quasi täglich bekommen sie Nachrichten auf Instagram, Facebook oder per Mail zugeschickt, in denen Betroffene ihre Geschichten schildern.

Junge Frauen kreiden Sexismus auf öffentlichen Plätzen an
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Am „Ort des Geschehens“ schreiben die Studentinnen mit Kreide die sexistischen Erfahrungen auf

Catcalls:
Catcalling bezeichnet eine Art der Belästigung im öffentlichen Raum durch fremde Personen. Dabei fallen meist unerwünschte Äußerungen gegenüber Personen, die als Objekt der Begierde angesehen werden.

In erster Linie Bewusstseinsbildung

Initiativen wie die „Catcalls of Innsbruck“ seien etwa mit der MeToo-Bewegung vergleichbar, erklärt die Gender-Expertin Sabine Gatt. Es gehe darum ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass gewisse Handlungen nicht in Ordnung sind. Ein Problem sei, dass es oft schon schwer falle, über das Thema Sexismus im Allgemeinen zu sprechen, sagt Marie-Luisa Frick, Philosophin an der Uni Innsbruck.

Das liege daran, dass „Unsicherheiten bestehen, was Sexismus eigentlich ist und wie er sich ausdrückt. Aber auch, weil dieses Thema mit Vorwürfen moralischer Schuld verbunden ist und damit auch politisch aufgeladen werden kann“, so Frick.

Grafik Catcalls of Innsbruck
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Die Initiative veröffentlicht Bilder ihrer Aktionen auf Instagram und Facebook

„Wir sind einfach der Überzeugung, dass, wenn man jemanden im öffentlichen Raum ansprechen möchte, das auch freundlich tun kann“, so die Aktivistin Lorena Kübler im Gespräch mit dem ORF Tirol. Schließlich wolle die Initiative auch Frauen bestärken und ihnen zeigen, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine sind.

„Spitze des Eisbergs einer sexistischen Gesellschaft“

Catcalling kann laut Gatt nicht als isoliertes Phänomen betrachtet werden. „Es ist viel mehr sowas wie die Spitze des Eisbergs einer sexistischen Gesellschaft.“ Wenn jemand Catcalling betreibt, stabilisiere der- oder diejenige die sexistische Gesellschaft, in der wir nach wie vor leben. Laut Sabine Gatt sei es sehr schade, dass Tirol bzw. Österreich auch im Jahr 2021 noch in den Kinderschuhen stecke, was den Umgang mit Sexismus betrifft.

Initiative Catcalls of IBK
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Catcalls in Österreich nicht gerichtlich strafbar

Catcalls, also verbale Belästigungen mit Sexualbezug im öffentlichen Raum, sind in Österreich vom Strafgesetzbuch nicht erfasst und somit auch nicht gerichtlich strafbar. Laut Sabine Gatt wären auch für verbale sexuelle Belästigung Strafen angebracht. „Gesetze spiegeln ja wieder, was wir als Gesellschaft legitim finden und was nicht.“ Opfer oder Betroffene sollten sich laut ihr auch rechtlich wehren können.

Daneben brauche es laut ihr weiterhin Aufklärungsarbeit, die im besten Fall schon in der Schule beginnt. Dem schließt sich auf Marie-Luisa Frick an. Laut ihr müsse man „eine gesamtgesellschaftliche Erziehung sicherstellen, in der Kinder und Jugendliche im Bewusstsein der Gleichwertigkeit der Geschlechter aufwachsen und verstehen: Frauen sind keine Mägde des Mannes, sie sind auch kein Spielzeug, sondern Persönlichkeiten mit eigenen Lebenszielen und Bedürfnissen.“