8.1.2021 LKH Rankweil Covid 19 Impfung
Mathis Fotografie
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Coronavirus

Ärger wegen nicht eingehaltenen Impfplans

In Tirol wächst der Unmut über die Vergabe überschüssiger Impfdosen: In mehreren Gemeinden soll der Impfplan der Regierung nicht eingehalten worden sein. Pflegeheime verimpften übriggebliebenen Impfstoff – aber nicht an jene, die als nächstes an der Reihe gewesen wären.

Bauhofmitarbeiter oder Politiker und deren Ehefrauen sollen in einigen Tiroler Gemeinden bereits gegen Corona geimpft worden sein, wie mehrere Medien berichten. Parallel dazu hoffen viele Risikopersonen, schnell geimpft zu werden. Laut Impfplan wären sie eigentlich nach den Pflegeheimen und Krankenhauspersonal an der Reihe.

Bürgermeister ließen sich impfen

Ein Bürgermeister einer Oberländer Gemeinde bestätigte gegenüber ORF Tirol, die Impfung bereits in einem Pflegeheim erhalten zu haben. Diese sei ihm von der Heimleitung angeboten worden, „damit der Impfstoff, der übrig war, nicht entsorgt werden muss“, verteidigte er die Impfung. Zu diesem Zeitpunkt seien alle impfwilligen Heimbewohnerinnen und Bewohner bereits geimpft gewesen. Die Impfung der restlichen Dorfbevölkerung werde wie vorgesehen nach dem Plan der Regierung erfolgen. Über-80-Jährige habe man diesbezüglich bereits kontaktiert, so der Bürgermeister.

Auch die „Tiroler Tageszeitung (TT)“ (Dienstagsausgabe) berichtete von einer Gemeinde im Bezirk Innsbruck-Land, wo rund 50 Impfdosen in einem Seniorenheim übrig geblieben waren. Deshalb wurden diese an Personen verabreicht, die weder im Heim wohnen noch dort arbeiten – unter ihnen auch der Bürgermeister und dessen Ehefrau. Dieser selbst rechtfertigte sich, indem er angab, selbst zur Risikogruppe zu gehören, er habe eine Herzoperation hinter sich. Warum seine Frau vorgereiht wurde, wollte oder konnte er demnach nicht erklären.

Ampullen des Corona-Impfstoffs von Biontech und Pfizer
APA/dpa/Sebastian Gollnow
Übriggebliebene Impfdosen sollen laut Plan an Risikopersonen oder Gesundheitspersonal gehen

LH Platter pocht auf strikte Einhaltung

Laut einem Bericht der „Kronen Zeitung“ wiederum wurden in einer Gemeinde im Bezirk Kufstein übrige Dosen an Gemeindemitarbeiter verimpft. „Für mich sind die Mitarbeiter der Gemeinde eindeutig systemrelevant“, argumentierte der dortige Ortschef. Er verwies darauf, dass der übrige Impfstoff rasch verabreicht werden müsse, man sich unter Zeitdruck auf die Suche begeben habe und alles nach Absprache mit dem Land passiert sei.

Beim Land bestreitet man das: „Wir haben nochmals unmissverständlich klargestellt, wie zu priorisieren ist. Die wenigen Impfdosen, die wir aktuell zur Verfügung haben, müssen ausnahmslos an jene Personen gehen, die vom Virus besonders gefährdet sind“, stellte Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) klar. Bei überschüssigen Dosen aus Pflegeeinrichtungen sollen nach ärztlicher Einschätzung weitere Risikopersonen oder Gesundheitspersonal zur Impfung heranzogen werden. „In vielen Heimen hat das gut geklappt – in ein paar wenigen hat es nicht funktioniert. Das wird von uns nicht akzeptiert“, sagte der Landeshauptmann gegenüber der „TT“. Der Grüne Klubobmann Gebi Mair kritisierte die Vorfälle als „extrem unsolidarisch und unmoralisch gegenüber den Risikogruppen“.

Scharfe Kritik von Opposition

Der Tiroler NEOS-Klubobmann Dominik Oberhofer sprach von einem "Versagen der Impfstrategie, die der Bund an die Länder abgeschoben hat“ und forderte eine dezentrale Impfstrategie. FPÖ-Klubobmann Markus Abwerzger ortete eine „unmoralische Frechheit“ und einem „Pleiten-, Pech- und Pannen-Management“.

Elisabeth Fleischanderl, SPÖ-Gesundheitssprecherin im Landtag, kritisierte ein Fehlen der Verteilungs-Kriterien. Ihre Kollegin, SPÖ-Seniorensprecherin Claudia Hagsteiner, sprach von einem „Armutszeugnis für das Krisenmanagement der Landesregierung“. Die Klubobfrau und Parteichefin der Liste Fritz, Andrea Haselwanter-Schneider, ortete Versäumnisse bei der Erarbeitung und Umsetzung der Tiroler Impfstrategie und forderte von LH Platter „mehr Konsequenz“ sowie eine klare Kommunikation und transparente Wartelisten.

Ein Sanitäter mit Schutzmaske
APA / Jakob Huber
Auch die Sanitäterinnen und Sanitäter haben noch keine Impfung bekommen

Rotes Kreuz fordert Impfung

Auch beim Roten Kreuz in Tirol drängt man auf eine Impfung, erklärte Präsident Günter Ennemoser: „Langsam kommt auch in unseren Mannschaften Sorge auf, wann wir geimpft werden. Ich bin schon der Meinung, dass wir zu den Gruppen zählen, die wirklich exponiert sind. Wenn zu wenig Impfstoff vorhanden ist, dann könnten wir zumindest unsere Leute an der Front impfen, also die Notfallsanitäter, die Ärzte oder die Leute in den Screening-Straßen“, forderte Ennemoser.

Dazu wird es aber wohl noch Geduld brauchen – auch, weil es Schwierigkeiten und Verzögerungen bei der Lieferung des BioNTech/Pfizer-Impfstoffs gibt. Kommende Woche sollen laut Land voraussichtlich je 300 Impfstoffdosen an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Rettungsdienste, die Sozialsprengel und die Behindertenhilfe ergehen. 400 Impfdosen seien für die niedergelassene Ärzteschaft sowie Zahnärztinnen und -ärzte vorgesehen. Auch Impf-Überschuss solle an diese Personengruppe verimpft werden, hieß es.

Ärztinnen und Ärzte sowie Impfstraße wären bereit

700 Ärztinnen und Ärzte haben sich in Tirol bereit erklärt, die Impfung zu verabreichen. Auch eine eigene Impfstraße ist bereits seit dem Wochenende in Innsbruck eingerichtet. „Wir können alle nur darauf warten, dass Impfstoff kommt. So wie es ausschaut, wird eine relevante Menge erst Anfang Februar in Tirol zu erwarten sein“, erklärte Ärztekammerpräsident Arthur Wechselberger.

In enger Abstimmung zwischen den Gemeinden und den teilnehmenden niedergelassenen ÄrztInnen würden die Impfungen schnellstmöglich flächendeckend gestartet, hieß es dazu von LH Günther Platter und LHStv. Ingrid Felipe (Grüne). In acht Tiroler Pilotgemeinden (Hochfilzen, Pettneu, Kaunertal, Jochberg, Tristach, Polling, Flaurling und Eben am Achensee) wurden bereits die ersten über 80-Jährigen geimpft. Ausschlaggebend für die Impfung der über 80-Jährigen werde die 7-Tages-Inzidenz sein.