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ORF.at/Georg Hummer
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Wissenschaft

Lebenssinn ist Puffer für die Psyche

Einen Sinn im Leben zu sehen und die Fähigkeit zur Selbstkontrolle können die psychischen Folgen der Pandemie abmildern. Das zeigt eine Studie an über 1.500 Personen, an der auch die Universität Innsbruck beteiligt war.

Tatjana Schnell vom Innsbrucker Institut für Psychologie führte gemeinsam mit ihrem Kollegen Henning Krampe von der Berliner Charite die Untersuchung durch: Vom 10. April bis 28. Mai befragten sie vor allem in Österreich und Deutschland 1.538 Personen in Form von Online-Fragebögen.

Psychische Belastung durch Pandemie erhöht

Die nun veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass die psychische Belastung in den ersten Monaten der Pandemie allgemein deutlich erhöht war. „Menschen, die in ihrem Leben einen starken Sinn sahen, berichteten aber insgesamt von einer weniger starken psychischen Belastung“, so Tatjana Schnell. Auch die Fähigkeit von Selbstkontrolle sei dem psychischen Befinden zuträglich gewesen. Sinnerfüllung und Selbstkontrolle hätten als eine Art Puffer gewirkt, welche den Zusammenhang zwischen Covid-19-Stress und psychischer Belastung abgeschwächt hätten, erläutert die Innsbrucker Psychologin.

Tatjana Schnell
Tatjana Schnell
Die Sinnforscherin Tatjana Schnell

Probleme nach Lockdown oft stärker

Interessant war für Schnell dabei auch der Verlauf über mehrere Monate: „Die Probleme waren während des strikten Lockdowns offenbar weniger schlimm als danach. Die Einführung der Lockerungen hat dann nicht zu einer Verbesserung der psychischen Situation geführt – sondern im Gegenteil.“ Möglicherweise könnten wirtschaftliche Einbußen zu einer Sorgenquelle geworden sein, vermuten Schnell und Krampe. Vielleicht aber war es auch die Eindeutigkeit der Situation während der Ausgangsbeschränkungen. In den Wochen nach den Lockerungen registrierten Schnell und Krampe zunehmende Sinnkrisen und schwere psychische Belastungen sowie Defizite in der Selbstkontrolle.

Ältere Menschen oft im Vorteil

Die Studie konnte auch zeigen, dass ältere Menschen eine besondere Widerstandsfähigkeit an den Tag legten. Laut den Daten hatten sie deutlich weniger mit negativen psychischen Konsequenzen zu kämpfen als jüngere Menschen. Das Sinnerleben steige mit dem Alter an, und ältere Menschen könnten oft besser übergeordnete Perspektiven einnehmen. Die psychische Stabilität profitiere von der Lebenserfahrung.

Appell an die Politik

Die beiden Studienautoren weisen darauf hin, dass es für viele Menschen schwer ist, Selbsteinschränkungen auf Dauer aufrecht zu erhalten, wenn die Sinnhaftigkeit nicht erkennbar ist. Sie appellieren damit auch an die Politik. Diese müsse neben der medizinischen und wirtschaftlichen Perspektive auch soziale und geisteswissenschaftliche Perspektiven mit einbeziehen. Wenn es gelinge, Minderheiten und wesentliche Interessensgruppen aktiv einzubinden, dann habe Selbstkontrolle weniger mit Gehorsam oder Widerstand zu tun, sondern sei ein mögliches Ergebnis einer informierten persönlichen Entscheidung.