Apres-Ski in Ischgl
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Chronik

Vier Beschuldigte in Causa Ischgl

Seit Wochen ermittelt die Staatsanwaltschaft zu den Coronavirus-Maßnahmen und den Vertuschungsvorwürfen in Tirol. Die Ermittlungen zur Causa Ischgl fokussieren sich inzwischen konkret auf vier Personen. Sie werden in dem Verfahren als Beschuldigte geführt.

Betroffen seien der Ischgler Bürgermeister Werner Kurz und auch der Landecker Bezirkshauptmann Markus Maaß. Auch gegen zwei Mitarbeiter der Bezirkshauptmannschaft Landeck wird konkret ermittelt. In allen Fällen gehe es um die vorsätzliche oder fahrlässige Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten, so eine Quelle des ORF Tirol, die nicht namentlich genannt werden möchte.

Abreise und Quarantäne auf dem Prüfstand

Die Staatsanwaltschaft bestätigte, dass derzeit vier Personen als Beschuldigte geführt werden. Die Namen der Beschuldigten wollte die Staatsanwaltschaft allerdings nicht kommentieren. Die Prüfung der mittlerweile über 10.000 Seiten Beweismaterial hätte aber dazu geführt, dass die Umsetzung einiger Verordnungen in Ischgl und im Paznauntal näher untersucht werden.

Dazu zählen die Verkehrsbeschränkungen in Ischgl, die zu der plötzlichen Ausreise Hunderter Urlaubsgäste führten, und die Quarantäne im Paznauntal. Hier gebe es verschiedene Versionen, wann die Verordnungen in Kraft getreten sind, wie sie verlautbart wurden und wie damit umgegangen wurde, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Hansjörg Mayr.

Zeitraum weiter unklar

Zu diesen fraglichen Umsetzungen sollen jetzt konkrete Vernehmungen durchgeführt werden. Der Ischgler Bürgermeister Kurz erklärte noch Dienstagmittag, er wisse nichts von Ermittlungen zu seiner Person. Am Mittwochvormittag bestätigte er, dass es Ermittlungen gegen ihn gebe. Dabei handle es sich seines Wissens nach um die Verordnung zur Schließung der Skigebiete. Die erhielt Kurz bereits am 12. März gegen Mittag, er hängte sie allerdings erst am 14. März aus, die Verordnung wurde damit auch erst am Samstag rechtskräftig, sagte Kurz.

Das sei mit der Bezirkshauptmannschaft abgesprochen gewesen, berichtete der Ischgler Bürgermeister. Er sieht kein Fehlverhalten bei sich. Der Landecker Bezirkshauptmann Maaß verwies nach mehrmaliger Anfrage des ORF Tirol auf das Land. Dort verwies man auf die Stellungnahme der Staatsanwaltschaft und betonte erneut, dass die Ermittlungen bestmöglich unterstützt würden, es gebe „großes Vertrauen in die heimische Justiz“.

6.000 Urlauber bei Verbraucherschutzverein gemeldet

In Ischgl war es zu einem größeren Ausbruch des Coronavirus gekommen. Die ersten Fälle waren Anfang März bekanntgeworden, die Ansteckungen sollen vor allem in Apres-Ski-Lokalen passiert sein. Den Behörden wurde vorgeworfen, zu spät und nicht umfassend genug reagiert zu haben. Der Verbraucherschutzverein (VSV) brachte eine Sachverhaltsdarstellung bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck ein, die sich unter anderem auch gegen Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP), Landesrat Bernhard Tilg (ÖVP), Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber, Bürgermeister und Seilbahngesellschaften richtete – mehr dazu in Causa Ischgl: Vier Amtshaftungsklagen eingebracht.

Mehr als 6.000 Tirol-Urlauber aus 45 Staaten hätten sich beim VSV als Geschädigte gemeldet. Die Anklagebehörde leitete daraufhin wegen des Verdachts der Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten ein Ermittlungsverfahren, zunächst gegen unbekannt, ein. Zudem wurde eine Untersuchungskommission unter dem Vorsitz des ehemaligen Vizepräsidenten des Obersten Gerichtshofs (OGH), Ronald Rohrer, eingerichtet. Deren Bericht soll am 12. Oktober präsentiert werden. Eine Antikörperstudie der Medizinischen Universität Innsbruck zeigte unterdessen, dass 42,4 Prozent der Ischgler Bevölkerung bereits eine Infektion mit dem Coronavirus durchgemacht haben dürften – mehr dazu in Ischgl: 42,4 Prozent haben Antikörper.