Ausstellung Vergessen Fragmente der Erinnerung
Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
Kultur

Workshop für Demenzkranke im Museum

Das Tiroler Landesmuseum bietet in Innsbruck erstmals öffentliche Workshops für Menschen mit dementiellen Veränderungen an. Das Angebot orientiert sich an der wissenschaftlichen Studie eines deutschen Museums. Bilder können intensive Gefühle hervorrufen und Erinnerungen wachrütteln.

Zwei Jahre lang haben die beiden Kunstvermittlerinnen das sensible Thema intern vorbereitet, bevor sie das spezielle Programm nun erstmals in Tirol öffentlich anbieten. Angelika Schafferer und Nina Mayer-Wilhelm wollen Menschen mit dementiellen Veränderungen die Möglichkeit geben, das vielfältige Angebot im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum so zu genießen wie andere Besucherinnen und Besucher.

Mensch und Stühle im Scherenschnitt vor Bild
ORF/Hermann Hammer
Die großformatige Fotografie der deutschen Künstlerin Candida Höfer steht im Mittelpunkt des Workshops

Nicht vergessen: wieder mal ins Museum gehen

Die aktuelle Ausstellung „Vergessen – Fragmente der Erinnerung“ ist für diesen Workshop besonders geeignet. In der umfangreichen von Roland Sila kuratierten Schau geht es um verschiedene Formen des Vergessens aber auch um das Bewahren von Erinnerungen. Das ambivalente Thema wird mit Werken Bildender Kunst und mit literarischen Texten aufbereitet.

Ausstellung Vergessen – Fragmente der Erinnerung
Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
Literaturzitate thematisieren das Vergessen und das Erinnern

Wohlfühlen im Museum

Die beiden Kulturvermittlerinnen gehen behutsam vor, für dieses Programm benötige man wesentlich mehr Vorbereitung, als für „normale“ Führungen, sagt Nina Mayer-Wilhelm. Der Raum sollte ruhig sein, das Licht nicht zu grell, man müsse sich viel Zeit nehmen und Langsamkeit zulassen. „Es beginnt mit dem Umfeld“, erklärt Angelika Schafferer, „wir versuchen eine möglichst störungsfreie Situation zu schaffen. Wir wählen ein bestimmtes Kunstwerk aus. Dabei erklären wir mehr als sonst, welchen Weg wir gehen werden und wo wir uns befinden, sodass ein Verorten und Wohlfühlen noch besser funktioniert als normalerweise.“

Menschen im Scherenschnitt sitzen vor Bild
ORF/Hermann Hammer
Die Fotografie einer menschenleeren Bibliothek kann unterschiedliche Assoziationen hervorrufen

Eintauchen in die Welt der Fantasie

Die großformatige Fotografie „Bibliothek von Reiner Speck“ der renommierten deutschen Fotografin Candida Höfer steht diesmal im Mittelpunkt. Auf dem Bild sieht man Regale, die bis zur Decke mit Büchern vollgestopft sind. Die Titel auf den Buchrücken sind allerdings nicht zu entziffern und die Bibliothek ist menschenleer.

Das emotionale Erleben beflügeln

„Wir wissen nicht, welche Bücher in dieser Bibliothek aufbewahrt werden“, versucht Angelika Schafferer die Betrachter anzuregen, „wir könnten die Bibliothek in unserer Fantasie betreten uns auf die beiden leeren Lederfauteuilles setzen und überlegen, welche Bücher wir gerne lesen würden, oder was wir zu Hause mit unseren Büchern machen, welche wir gerne zum Lesen herausziehen.“

Angesichts der Fülle von Büchern beginnt eine betroffene Teilnehmerin spontan, Reime zu rezitieren. Eine andere ältere Dame greift zu der bereitgestellten Lupe und erzählt, dass sie sich früher leidenschaftlich mit Botanik beschäftigt habe.

Legearbeit eines Menschen mit Demenz
Nina Mayer-Wilhelm
Mit unterschiedlichen Materialien werden die Eindrücke anschließend im Atelier gemeinsam verarbeitet, etwa zu dem Gemälde „Golf von Amalfi“ von Franz Richard Unterberger

Die Vermittlerinnen versuchen, mit verschiedenen Materialien alle Sinne anzuregen. Sie arbeiten sogar mit Gerüchen aber auch mit Musik. Das Singen von Kinderliedern kann verschüttete Erinnerungen an die Oberfläche spülen. Das Betrachten oder Berühren von originalen Kunstwerken kann kreative Ressourcen auffrischen.

Kein Pokerface

Das Konzept wurde gemeinsam mit dem Innsbrucker Verein Vaget entwickelt, dessen Mitarbeiter ältere, psychisch kranke Menschen in einem Tageszentrum betreuen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass sich Gemälde mit strahlenden, kräftigen Farben und konkreten Darstellungen wie Landschaften oder Blumenstilleben besser eignen, als abstrakte Bilder.

„Die Menschen erzählen frei von der Leber weg. Sie machen kein Pokerface, so wie ich es manchmal bei anderen Führungen erlebe, wenn es einigen Teilnehmern vor allem ums Wissen geht“, berichtet Angelika Schafferer.

„Uns geht es um ein angenehmes Miteinander, um das soziale und kulturelle Teilhaben" ergänzt Nina Mayer-Wilhelm, "das Museum soll zum Ort der Begegnung werden. Wir bieten die Möglichkeit, Erfahrungen im geschützten Rahmen zu machen. Es muss gar nichts Bestimmtes dabei herauskommen. Wer in Ruhe beobachten und zuhören möchte, der ist eingeladen, das zu genießen.“

Neues Berufsbild der Kunstgeragogin

Nina Mayer-Wilhelm hat im deutschen Wolfsbüttel die Ausbildung zur Kunstgeragogin absolviert. Bei der in Österreich noch wenig bekannten Tätigkeit handelt es sich um die Kombination von Geragogik, also der Wissenschaft des Alterns und die künstlerische Arbeit mit Menschen.

Ihr sei es wichtig, dass bei den Workshops kein Druck erzeugt wird, „wer mitmacht, muss kein Museumsexperte sein, keinerlei Vorwissen ist notwendig.“ Viele Betroffene würden sich aus Angst vor Fehlern zu Hause verkriechen. Dieses Tabu zu brechen, sei ein Ziel des neuen Angebotes. Die Ehefrau eines Demenzkranken freut sich über die Möglichkeit, gemeinsam mit ihrem Mann etwas unternehmen zu können.

Alfons Walde Ausschnitt Gemälde Schnee
Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
Ausschnitt eines Gemäldes von Alfons Walde im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum

Tränen der Erinnerung

Die Kommunikation sei vielfältig, erklärt Angelika Schafferer. Die Menschen erzählen aus ihrer Jugend. Auch von der Mimik lasse sich einiges ablesen. Bestimmte Bilder würden intensive Gefühle hervorrufen. „Da rinnen manchmal auch Tränen!" Angesichts eines Gemäldes von Alfons Walde, habe ein Teilnehmer erzählt, wie traurig er sei, dass er die verschneiten Hänge nicht mehr runterwedeln könne.

Wissenschaftlich fundierte Grundlage

Kunstvermittlerinnen des deutschen Museums Lehmbruck in Duisburg haben in Zusammenarbeit mit Neurologen von 2012 bis 2015 eine wissenschaftliche Studie zur „Entwicklung eines Modells zur gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Demenz im Museumsraum“ durchgeführt. Die Ergebnisse fließen in das Innsbrucker Projekt ein. Die Gruppe sollte höchstens zwölf Teilnehmerinnen umfassen, sechs Betroffene und ihre Begleiterinnen.

Legearbeit eines Menschen mit Demenz
Nina Mayer-Wilhelm
Legearbeit nach Rudolf Lehnert „Ein Sonnentag“

Begegnung auf Augenhöhe

Bei den Workshops sollten alle mitmachen, wünschen sich die Vermittlerinnen. „Wenn es anschließend im Atelier die Aufgabe gibt, mit die Eindrücke zu verarbeiten, dann nehmen auch wir einen Stift in die Hand. Wir machen alle mit. Wir sind auf einer Ebene“, betont Angelika Schafferer. Der Workshop wird kostenlos angeboten, dauert zwei Stunden und soll Menschen mit Demenz den barrierefreien Zugang zur Kunst ermöglichen.