Wildtiere im Straßenverkehr

Jetzt im Herbst passieren die meisten Wildunfälle. Allein im vergangenen Jahr waren es in Tirol 1.400, die gemeldet wurden. Wie aus dem Nichts stehen die vom Scheinwerferlicht geblendeten Tiere plötzlich auf der Fahrbahn. Unzählige Tiere sterben, auch Menschenleben sind in Gefahr.

Reh- und Rotwild, Füchse, aber auch Greifvögel werden besonders jetzt im Herbst Opfer von Zusammenstößen mit Fahrzeugen. Ungezählt bleiben kleinere Lebewesen wie Igel, Marder, Mäuse oder Kaninchen. Dass es gerade jetzt zu vermehrten Unfällen mit Wildtieren kommt, ist leicht zu erklären, sagt der Direktor des Innsbrucker Alpenzoos, Michael Martys. „Weil es so früh dunkel wird, herrscht noch viel Verkehr auf den Straßen, gleichzeitig sind Wildtiere in der Dämmerung aktiv. So kommt es häufiger zu direkten Kontakten zwischen Mensch und Tier.“

Wild wechselt die Straße

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Lebensgefahr für alle Beteiligten: Unfälle mit Wildtieren häufen sich besonders jetzt im Herbst.

Blendendes Licht und hohe Geschwindigkeit

Eigentlich haben sich wildlebende Tiere recht gut an das Leben in menschlicher Nähe angepasst. Viele haben als Kulturfolger bei der Futtersuche oder beim Nestbau sogar Vorteile daraus gezogen. Außerdem lernen Tiere schnell und meiden in der Regel Situationen, die ihnen gefährlich werden können. Mit der Einschätzung im Straßenverkehr tun sie sich aber schwer, sagt Michael Martys. „Die Geschwindigkeit, mit der sich Fahrzeuge nähern, können auch flinke Wildtiere kaum einschätzen. Außerdem werden sie durch das grelle Scheinwerferlicht geblendet. Wie erstarrt bleiben sie mitten auf der Fahrbahn stehen oder rennen blind genau ins Fahrzeug.“ Die meisten Tiere überleben solche Zusammenstöße nicht.

Totes Reh am Straßenrand

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Trauriges Ende am Straßenrand. In Tirol werden jährlich etwa 1.400 Wildunfälle gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte aber wesentlich höher sein.

Meldepflicht

Werden Wildtiere bei Verkehrsunfällen angefahren oder getötet, also zum Beispiel Reh- und Rotwild, Füchse oder Dachse, muss das dem zuständigen Jagdorgan sofort gemeldet werden. Es genügt aber auch, die Polizei zu verständigen, die diese Aufgabe dann übernimmt.

Futtersuche an den Autobahnen

Dass Wildtiere sich durchaus den menschlichen Gegebenheiten anpassen können, zeigt sich am Beispiel der Greifvögel in Tirol, sagt Martys. „Wir sehen sie in dieser Jahreszeit häufig sehr nahe an den Autobahnen auf Zäunen oder Pfosten sitzen. Dort warten sie, bis kleinere Tiere überfahren werden.“ Mit dem Aas haben sie Futter ohne großen Energieaufwand. Weil sie den Straßenverkehr stundenlang beobachten, können sie auch die Geschwindigkeiten offenbar ganz gut einschätzen. „Wenn in strengen Wintern Greifvögel aus dem kälteren Osten in Tirol überwintern, fehlt ihnen dieses Wissen. In Ostländern ist die Verkehrsdichte geringer und die Autofahrer sind langsamer unterwegs. Deshalb werden solche Greifer dann oft angefahren und getötet.“

Mäusebussard im Anflug

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Ein Mäusebussard im Anflug. In Tirol sehen wir diesen schönen Greifvogel bei der Futtersuche häufig nahe an den Autobahnen.

Wildwechsel zu den Fütterungen

Im Sommer haben Wildtiere genug zu fressen, sie müssen den Straßen nicht nahe kommen. Im Winter quert Reh- und Rotwild häufig Fahrbahnen, um an die Fütterungen zu gelangen. Hier herrscht reger Wildwechsel auch über viel befahrene Straßen. Warnschilder werden gezielt an solchen Stellen aufgestellt und sind damit ernst zu nehmen. Eine angepasste Geschwindigkeit der Autofahrer, vor allem in den Abendstunden kann helfen, schwere Unfälle mit Wild zu verhindern.

Sendungshinweis:

„Radio Tirol am Vormittag"
24. 10 2015 ab 10.00 Uhr

Lernen unter Lebensgefahr

"Wenn die Tiere eine gefährliche Situation überleben, können sie daraus lernen und werden Straßen künftig eher meiden,“ sagt Alpenzoo-Direktor Michael Martys. Ältere Tiere haben unter Umständen aus solchen Situationen heraus ihr Verhalten geändert. Jungtiere, die sich von ihren Eltern trennen und auf sich allein gestellt sind, haben diesen Erfahrungsschatz nicht und sind besonders gefährdet. Igel versuchen erst gar nicht zu fliehen, sondern rollen sich ein, um der nahenden Gefahr zu trotzen. Mit etwas Glück entkommen sie dadurch aber auch den Reifen. Insofern macht ihre Überlebensstrategie durchaus auch auf der Straße Sinn.

Montage Wildwarngerät

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Das Wildwarnsystem der HTL Lienz wird auf Straßenbegrenzungspfosten montiert. Ist Wild in der Nähe, werden die Autofahrer durch Blinklicht gewarnt.

Wildwarnsysteme haben Erfolg

Weil Wildunfälle nicht nur das Leben von Tieren kosten, sondern auch Menschen massiv gefährden, werden Gegenstrategien erarbeitet. Gute Erfolge zeichnen sich durch Wildreflektoren und akustische Wildwarngeräte aus. Wildreflektoren werfen den Lichtstrahl mit einem speziellen blauen Licht in den Wald, auch akustische Signale halten Wildtiere von Straßen fern. Zwischen 2008 und 2013 wurden optische Wildreflektoren und akustische Warngeräte an besonders gefährdeten Straßenzügen in Tirol aufgestellt.

Studien belegen einen Rückgang von Wildunfällen um bis zu 60 Prozent. In ganz Tirol wurden bereits über 6.400 solcher Wildwarngeräte aufgestellt. Die HTL in Lienz hat in dieser Woche ihr neues selbst entwickeltes Wildwarnsystem vorgestellt. Es nimmt die Bewegungen von Wildtieren nahe einer Straße wahr, die Autofahrer werden dann durch blinkendes Licht gewarnt. Mehr dazu in HTL-Schüler entwickelten Wildwarngerät. Zum Schutz der Menschen und der Tiere.

Lydia Gallo Gau; tirol.ORF.at

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