Kanonen schießen für die Wissenschaft

Archäologen der Universität Innsbruck haben am Wochenende den Beweis erbracht, dass bereits im späten Mittelalter hochwirksame Keramikmunition verschossen wurde. Unterstützt wurden sie dabei von echten Kanonieren.

Schon vor Jahren wurden in Südtiroler Burgen tönerne Kanonenkugeln gefunden. Bis zum vergangenen Wochenende wusste aber niemand, wie sie verschossen wurden und welche Wirkung sie hatten. Um das zu testen, hat Harald Stadler, Professor für Archäologie an der Universität Innsbruck, in den vergangenen Jahren ein hochkarätiges Team zusammengestellt.

Kanone mit Mannschaft

Bundesheer/Christoph Seidner

Von rechts: Harald Stadler mit Geschützmeister Speck und Bedienungsmannschaft

Kanone aus Südtirol, Kugeln aus der Schweiz

Gemeinsam mit Sören Speck aus Fügen, einem Spezialisten für mittelalterliche Schusswaffen, ließ er eine Kanone aus dem 15. Jahrhundert nachbauen, deren Original sich in Schloss Runkelstein in Südtirol befindet. Im Ziegeleimuseum von Cham in der Schweiz wurden Dutzende von Tonkugeln nach dem historischen Vorbild gedreht. Am Freitag war es dann so weit: Auf dem Truppenübungsplatz Wattens/Lizum wurde die Bombarde erstmals mit der mittelalterlichen Keramikmunition geladen.

„Der Rest ist Überraschung“

„Wir experimentieren wie die im 15. Jahrhundert. Der Rest wird Überraschung sein“, sagte Stadler unmittelbar vor dem ersten Schuss. Ob die Tonkugeln unmittelbar nach Verlassen der Mündung in tausend Splitter zerbersten oder ein weiter entferntes Ziel treffen würden, war völlig offen.

Der erste Schuss mit der Mittelalterkanone

Vor dem Abschuss wusste niemand, ob die Tonkugel das Kanonenrohr überhaupt verlassen würde.

Jeder vierte Schuss ein Treffer

Das Ergebnis des Experiments: Die Tonkugeln fliegen bis zu 200 Meter weit. Auf nahe Entfernung ist ihre Wucht so groß, dass sie in einem Stahlharnisch eine vier Zentimeter tiefe Delle hinterlassen. Beim Aufprall entwickeln die Tongeschosse eine verheerende Splitterwirkung. Wissenschaftlich erprobt ist nun auch, dass es eine echte Kunst war, mit einer Kanone des 15. Jahrhunderts zu treffen. Von 19 Schuss haben nur fünf die mannshohen Scheiben getroffen, die in 25 Meter Entfernung aufgestellt waren.