Mit oder ohne Leine - die ewige Frage

Eigentlich sind Hunde Meister der Konfliktvermeidung. Ohne menschliche Einmischung kommen sie gut miteinander klar. Auf der täglichen Gassirunde sieht die Sache anders aus - vor allem, wenn einer der Hunde an der Leine ist und der andere frei läuft.

Für alle, die täglich mit ihrem Hund Gassi gehen, stellt sich die Frage jedesmal auf’s neue. Soll ich meinen Vierbeiner bei der Begegnung mit anderen Hunden besser angeleint lassen oder ihn lieber abhängen? Muss er immer an die Leine oder darf er dort, wo keine Leinenpflicht herrscht, frei laufen? Ohne Einschränkung gilt die Sicherheit anderer zweibeiniger und vierbeiniger Wegenutzer als oberste Priorität, auch wenn der Freiheitsdrang des Hundes damit eingeschränkt werden muss!

Dobermann mit Geschirr an der Leine, zusammen mit zwei Männern

Armin Kreuzer

Dieser junge Dobermann zieht noch stark an der Leine. Da wird die Begegnung mit einem anderen Hund zu einem Kraftakt für das Herrchen.

Friedlich ohne Leine

Grundsätzlich kommunizieren Hunde untereinander problemlos und klären innerhalb von wenigen Augenblicken die Situation. Und zwar ganz ohne Einmischung ihrer Zweibeiner. Darin sind sich eigentlich alle Hundetrainer und Ausbilder einig. Auch der zertifizierte Hundeverhaltensberater Armin Kreuzer aus Telfs sagt: „In der Regel laufen Begegnungen mit freilaufenden Hunden ohne Probleme ab. Sind sie durch die Leinen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, kommt es eher einmal zu einer Rangelei“.

Ungünstig ist es, wenn ein Hund an der Leine gehalten wird und der andere frei läuft. Der angeleinte Hund fühlt seine Sicherheitszone unterschritten und reagiert oft ängstlich und damit auch aggressiv.

Das heißt aber nicht, dass Hunde bei Begegnungen mit anderen Artgenossen grundsätzlich immer frei laufen sollen.

Ängstliche Jagdhündin

Armin Kreuzer

Mira ist eher ängstlich. Würde ein anderer Hund frei auf sie zustürmen, wäre das Stress pur für sie.

An der Leine aufeinander zu

Der Ausruf „Der tut nix“ ist schon zum geflügelten Wort geworden. Denn die Realität sieht anders aus. Im Miteinander sollte gelten, dass die Hundebesitzer sich zuerst untereinander verständigen, sagt Armin Kreuzer. Im Idealfall kommen beide Hunde angeleint aufeinander zu. Wenn die Hunde signalisieren, dass sie sich sympathisch sind, dürfen sie zueinander und können dann auch von der Leine. „Nicht optimal ist es, wenn ein Hundebesitzer vom anderen erst dazu aufgefordert werden muss, seinen freilaufenden Hund an die Leine zu nehmen.“ Dann sind schon Spannungen da und zwar zwischen den Menschen und nicht zwischen den Hunden.

Belgischer Schäferhund an der Leine

Armin Kreuzer

Der belgische Schäferhund Rocco ist entspannt an der Leine. Da müsste sich niemand fürchten.

Der Rückruf muss klappen

Bringt man es ohne faule Kompromisse auf den Punkt, lautet die Grundregel: Solange der Hund nicht sofort und unmittelbar auf den Abruf reagiert und zu Herrchen und Frauchen zurückkommt, sollte er nicht frei laufen dürfen, erklärt Armin Kreuzer. „Die Aussage, dass der Hund nichts tut, ist in Wirklichkeit oft eine Ausrede. Der Besitzer weiß nämlich ganz genau, dass sein Hund ihm nicht gehorcht, sobald er auf einen anderen zuläuft. Da fehlt es an Grundgehorsam,“ nimmt Armin Kreuzer Frauchen und Herrchen in die Pflicht. Im Training setzt er auf Belohnung statt Strafe.

Leinenfrust und Aggression

Hunde, die sich an der Leine wie Berserker gebärden, aber kaum losgelassen, freundlich schwanzwedelnd auf ihr Gegenüber zulaufen, gibt es zuhauf. Wenn der Hund jedesmal, wenn er an der Leine tobt, losgelassen wird, ist das selbstbelohnend, sagt Armin Kreuzer. Ohne es bewusst zu wollen, hat der Besitzer dem Tier gelernt, wie es am besten von der Leine kommt. „Aha, denkt der Hund, da wüte ich ein bisserl und dann kommt die Leine weg!“ Hier ist Training angesagt!

Sendungshinweis:

„Radio Tirol am Vormittag"
30. 9. 2017 ab 10.00 Uhr.

Leinen-Frustration oder Leinen-Aggression ist letztlich ebenfalls eine angelernte Situation, die viel Ärger bringen kann. Die Ursache liegt hier schon im Welpenalter, betont Kreuzer: "Den Welpen finde alle niedlich, egal ob einmal ein Rottweiler oder Schäferhund draus wird. Der Welpe darf überall hin, zu jedem Menschen und zu jedem Hund. Er darf schnüffeln und schmecken und spielen. Ist er dann ausgewachsen wird er nur noch weggezogen und darf gar nichts mehr. Das frustriert einen Hund ungemein,“ erklärt der Verhaltenstrainer. „Deshalb sollten die Hundebesitzer schon dem Welpen beibringen, dass er auch einmal etwas nicht darf und da bleiben muss.“

Bei aller Erziehung und gewünschtem Gehorsam muss aber immer wieder die Möglichkeit zum Spielen und Herumtollen gegeben sein. Auf den täglichen Runden wissen alle Beteiligten meist ohnehin schon, wer bester Freund ist und wer eher argwöhnisch beäugt wird. Außerdem sollen Hunde sich durchaus auch einmal etwas ausmachen dürfen. Echte Aggression und schwere Bissverletzungen sind selten, sind sich Hundetrainer einig.

Armin Kreuzer und sein Cane Corso Rüde Rocco

Armin Kreuzer

Zwei ganze Kerle: der Hundeverhaltensberater Armin Kreuzer mit seinem Cane Corso Rüden Indio.

Training und Ausbildung für alle Rassen

Alle Hunde brauchen Erziehung und Training, betont Armin Kreuzer. Egal ob niedlich aussehender Kleinsthund oder gefährlich wirkender sogenannter Kampfhund. Sehr oft dürfen sich kleine Hunde wesentlich mehr herausnehmen als große. Sie dürfen Menschen und Artgenossen anpöbeln und ankläffen und treiben Zwei- und Vierbeiner damit oft zur Weißglut. Fletscht ein größerer Hund dann auch nur mal die Zähne ist er schnell der Böse.

Mit Drill und Unterwerfung hat ein gezieltes Training nichts zu tun. In vielen Fällen lernen die Hundebesitzer mehr als ihre Vierbeiner. Zum Beispiel die Körpersprache des Hundes richtig zu deuten. Erziehung soll Spaß machen und vor allem eines bringen: mehr Freiheit für den Hund und entspannte Gassirunden für all jene, die am anderen Ende der Leine hängen.

Lydia Gallo Gau; tirol.ORF.at

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