Hunde richtig einschätzen

„Böser Hund!“ - so heißt es ganz schnell, wenn der Vierbeiner den hohen Erwartungen der Menschen nicht entspricht. Dass unerwünschtes oder auffälliges Verhalten nicht aus Bösartigkeit gezeigt wird, sondern sehr unterschiedliche Ursachen haben kann, daran wird oft nicht gedacht.

Der harmlose Schoßhund, der plötzlich nach der Hand schnappt, der sanfte Riese, der sich an der Leine nicht mehr bändigen lässt, wenn er einem Artgenossen begegnet. „Was ist nur mit dem Hund los?“ fragen sich die Besitzer verzweifelt. Und schieben die Schuld an der Misere meistens dem Vierbeiner zu. Dabei wäre besser ein Besuch beim Tierarzt angesagt. Denn erst einmal muss abgeklärt werden, ob die Verhaltensänderung mit körperlichen Problemen und Schmerzen zusammenhängt, erklärt Tierärztin Sigrid Vogl in ihrer Praxis in Absam.

Hund schaut unglücklich drein

ORF

Fehlt diesem Hund etwas oder fühlt er sich im strömenden Regen nur unwohl? Die richtige Einschätzung ist oft nicht leicht.

Erst mal zum Gesundheitscheck

Fühlt der Hund sich in einer Situation nur unwohl oder tut ihm etwas weh? Ist er frech oder ängstlich und will sich nur schützen? Ob ein bestimmtes Verhalten körperliche Ursachen hat, ist nicht immer sofort herauszufinden. Ein Blutbild oder ein Röntgen beim Tierarzt können wichtige Hinweise geben. Denn ein orthopädisches Problem, das dem Hund starke Schmerzen verursacht, kann man mit strenger Erziehung und Drill nicht lösen.

Tierärztin Sigrid Vogl untersucht einen Hund

Tierarztpraxis Absam

Die Tiroler Bracke Irma war anfangs so ängstlich, dass sie sich gar nicht zur Tür herein traute. Inzwischen hat sie zu Tierärztin Sigrid Vogl Vertrauen gefasst.

Seit 2012 gibt es in Österreich die Zusatzausbildung „Verhaltensmedizin und Verhaltenstherapie“ für Tierärzte. Sigrid Vogl hat sie absolviert. Ziel der Ausbildung ist es, noch besser unterscheiden zu können, ob eine Krankheit vorliegt oder eine Verhaltensstörung mit anderen Ursachen. Nicht selten hängt beides zusammen. Hier wird die Tierärztin sowohl mit Medikamenten behandeln, als auch mit einem Verhaltenstraining beginnen.

Hund an der straffen Leine

Tierarztpraxis Absam

Angst und Unsicherheit werden häufig als Aggression missverstanden. Vor allem dann, wenn es sich um große, vermeintlich gefährliche Rassen handelt.

Aggression, Angst oder Ungehorsam?

Tierärzte mit der Zusatzausbildung für Verhaltensmedizin und Verhaltenstherapie werden zum Beispiel für Gutachten angefordert, die einen offenbar aggressiven Hund betreffen. „Ich muss als Tierärztin dann beurteilen, ob der Hund wirklich gefährlich ist. Im schlimmsten Fall müsste man ihn dann einschläfern“.

Sitzender RottweilerRüde

Tierarztpraxis Absam

Wer einen solchen Prachtkerl von Rottweiler bändigen will, braucht Konsequenz und Erfahrung. Da ist regelmäßiges Training notwendig.

Oft hat das Verhalten eines Hundes aber mit Aggression gar nichts zu tun, sagt Sigrid Vogl. „Wirklich aggressive Hunde sehen wir in der Praxis sehr selten. Häufiger stecken Angst oder auch mangelnde Unterordnung oder fehlender Gehorsam hinter dem Verhalten des Hundes.“ Auch schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit können eine Rolle spielen. Manchmal handelt es sich allerdings um ein ganz normales Verhalten des Hundes, das für den Besitzer aber unerwünscht ist. „Deshalb ist es auch so wichtig, dass man sich genau überlegt, welcher Hund zu einem passt und was man mit ihm machen will,“ betont die Tierärztin. „Und zwar bevor man sich einen holt.“ Wer sich einen Jagdhund anschafft, sollte sich über seinen ausgeprägten Jagdtrieb nicht ärgern, nennt sie ein Beispiel.

Dogge springt Frau an

Tierarztpraxis Absam

Das geht gar nicht: Bei der Größe und dem Gewicht einer Dogge ist Anspringen nicht erlaubt, auch wenn es aus Freude oder Übermut geschieht. Hier ist konsequentes Training angesagt.

Das Problem am anderen Ende der Leine

Gar nicht selten ist es nicht das Verhalten des Hundes, sondern das des Besitzers, das am Ende Probleme schafft. „Manche kommen in meine Praxis und sagen gleich, dass sie schon wissen, dass sie selbst der Grund für gewisse Schwierigkeiten sind,“ schmunzelt die Tierärztin. In diesem Fall wird vor allem der Mensch viel an sich arbeiten müssen. Weil Zwei- und Vierbeiner immer als Team zu sehen sind, macht es auch gar keinen Sinn, nur mit dem Hund zu trainieren. Da müssen Frauchen und Herrchen immer mit lernen.

Tierärztin Dr. Sigrid Vogl mit Hund

Tierarztpraxis Absam

Enge Vertraute: Tierärztin Sigrid Vogl mit ihrer Malinois-Mix Hündin Nayari.

Sendungshinweis:

„Radio Tirol am Vormittag"
19. 8. 2017 ab 10.00 Uhr.

Verhaltensänderung braucht Zeit

Je länger man seinen Hund bei sich hat und je besser man ihn kennt, desto leichter wird es, sein Verhalten einzuschätzen. Salopp gesagt, kennt man die Marotten seines Vierbeiners mit der Zeit und ganz sicher kennt der Hund die seines Besitzers auch. Manchmal geht es ohne fachliche Hilfe aber nicht.

Weil ein unerwünschtes Verhalten in der Regel nicht von heute auf morgen beginnt, sondern sich schleichend über Wochen und Monate verstärkt, braucht man auch für die Lösung des Problems einige Geduld. Wenn die medizinische Seite abgeklärt wurde, rät die Tierärztin zu einem erfahrenen Trainer oder Ausbilder. Er wird dann sowohl am Verhalten des Hundes, als auch an dem seines Menschen arbeiten.

Lydia Gallo Gau; tirol.ORF.at

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