Ratten als Haustiere

Es gibt kaum ein Tier, das von den Menschen im europäischen Raum seit Jahrhunderten so gehasst wird wie die Ratte. Als angebliche Überträgerin der Pest wurde sie von der Wissenschaft längst rehabilitiert. Der Abscheu und der Ekel vor dem intelligenten Nager blieb trotzdem bestehen. Bis das Unglaubliche geschah und die Ratte zum Haustier wurde.

Über Jahrhunderte wurden sie gehasst, verfolgt und vernichtet. Bis heute werden Ratten vergiftet, wo immer sie auftauchen. Menschen wenden sich ekelnd von ihnen ab. Selbst in unserem Sprachgebrauch ist sie negativ behaftet. Wenn jemand einen anderen als „Du Ratte“ bezeichnet, ist das bestimmt nicht schmeichelhaft gemeint. Man sagt „das wird einen ganzen Rattenschwanz an Konsequenzen nach sich ziehen“ und meint auch damit nichts Gutes. Geschweige denn, wenn jemand eine Wohnung als „Rattenloch“ bezeichnet.

Ratte schlüpft durch Maschendrahtzaun

dpa/Arno Burgi

Auch wenn die Menschen sie nicht bei sich wollen, Ratten sind ihnen immer gefolgt.

Die Ratten ihrerseits haben sich von allen Bemühungen des Menschen nicht abschrecken lassen. Beharrlich sind sie ihm gefolgt, in der Evolution gelten sie als die erfolgreichsten Kulturfolger im Tierreich. Und als hätte diese Beharrlichkeit sie tatsächlich zum Erfolg geführt, geschah das Unglaubliche: Sie wurden zu Haustieren und zumindest von denen, die sie zu sich nach Hause holten, geliebt.

Ratte mit Stoffbär

privat

Ratte mit Schlafbär: Kann man sich davor wirklich ekeln?

Vom Hassobjekt ins Kinderzimmer

Dass sich ihr Image in den vergangenen zwei Jahrzehnten gewandelt hat, weiß auch der Innsbrucker Diplom-Tierarzt Gerhard Ohnmacht. Die Ratten, die heute als Haustiere Einzug in Wohnungen und sogar Kinderzimmer gehalten haben, sind allerdings spezielle Farbratten. Eine wilde Ratte, weltweit gibt es rund 65 Arten, lässt sich nicht domestizieren. Jene Ratten, die heute als Haustiere gehalten werden, gelten als äußerst sauber, sehr sozial und überaus intelligent, sagt Tierarzt Gerhard Ohnmacht.

Ratte am Vogelhaus

dpa/thh pzi

Vom Menschen oft nicht gern gesehen, aber erfinderisch: eine Ratte bedient sich am Meisenknödel.

„Im Gegensatz zu Kaninchen oder Meerschweinchen lassen sie sich gerne herumtragen und können mit Menschen gut kommunizieren.“ Sie lieben es geradezu, wenn man ihnen Aufgaben stellt, die sie lösen müssen. Zum Beispiel, wenn man ihnen Futter so versteckt, dass sie wirklich überlegen müssen, wie sie herankommen. Bei solchen Versteckspielen stellen sie ihre außergewöhnliche Intelligenz unter Beweis.

Abenteuerkäfig mit Freilauf

Wilde Ratten leben in großen Gruppen von bis zu 60 Tieren. Auch zahme Farbratten sollten nie allein gehalten werden. Aber Vorsicht: Weibliche Ratten werfen 12 Mal im Jahr zwischen 6 und 9 Junge. Es ist also unbedingt notwendig, die Tiere zu kastrieren. Der Käfig muss groß genug sein, am besten mehrstöckig. Ratten lieben es, herum zu klettern, durch Röhren zu schlüpfen und sich zu verstecken. Bei der Gestaltung eines Abenteuerspielplatzes für die quirligen Gesellen sind kaum Grenzen gesetzt.

Babyratte auf Hand

dpa/Frank May

Erster Ausflug: Eine Babyratte erkundet wohl behütet ihre Umgebung

Freilauf in der Wohnung muss aber trotzdem sein, empfiehlt der Tierarzt. Allerdings immer unter Aufsicht. Als Nager knabbern Ratten alles an, was ihnen vor die Nase kommt. Mit Intelligenzspielen haben sie eine Riesengaudi. Sie werden geradezu unglaublich zahm und lassen sich liebend gerne streicheln, kraulen und herumtragen. Im Gegensatz zu Hamstern gelten sie auch nicht als bissig. Unerwünschte Hinterlassenschaften sind in der Regel kein Problem. Mit etwas Geduld gehen Ratten so wie Katzen auf ihr Kistchen.

Ratte auf dem Arm

dpa/Claus Felix

Hallo! Und was machen wir jetzt? Eine zahme Ratte wartet auf neue Abenteuer.

Vielseitiges und gesundes Menü

Beim Fressen lieben sie Abwechslung, so Tierarzt Gerhard Ohnmacht. So wie Menschen sind Ratten Allesfresser. Nicht zu viel und nicht zu fett sollte ihre Nahrung sein. Körner, viel Obst und Gemüse, sehr wenig Fleisch, so sieht der Speiseplan der Ratten aus. Im Prinzip fressen sie alles, was auch beim Menschen auf den Tisch kommt. Auf eine gesunde Ernährung sollten beide Spezies achten. Ein langes Leben ist Ratten allerdings nicht beschieden. Farbratten werden nur 2 bis 4 Jahre alt.

Ratten als Glückbringer

Nicht in allen Kulturen haben Ratten ein so negatives Image wie im europäischen Raum. Ganz im Gegenteil: In Asien gelten Ratten von jeher als Glücksbringer und kluge Geschöpfe. Im chinesischen Horoskop gibt es sogar die Ratte als Sternzeichen. Zuletzt wurde 2008 als Jahr der Ratte gefeiert. Im Sternzeichen der Ratte geborene Menschen gelten als klug und voller Power.

Sendungshinweis:

„Radio Tirol am Vormittag"
11. 1. 2014 ab 10.00 Uhr.

Realistisch gesehen hat sich die Sicht auf die Ratte in jüngerer Zeit zwar positiv geändert, man darf sich allerdings nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass auch die gezüchteten Farbratten zu einem Großteil als Versuchsratten in Labors und als Futtertiere für größere Reptilien verkauft werden.

Dennoch: Vielleicht sehen Sie Ratten künftig mit anderen Augen. Warum nicht gleich als Glücksbringer und Symbol für Klugheit und Erfolg mit einem überaus liebenswerten Wesen.

Lydia Gallo Gau; tirol.ORF.at