Transident - Im falschen Körper geboren

Immer mehr Tiroler identifizieren sich nicht mit ihrem Geschlecht. Das Transgender-Zentrum der Klinik Innsbruck bietet Betroffenen erstmals in Österreich Betreuung und Behandlung auf allen Ebenen.

Im Einzugsgebiet Tirol und Vorarlberg sind derzeit rund 90 Erwachsene sowie 35 Kinder und Jugendliche wegen einer Geschlechtsangleichung mit der Innsbrucker Klinik in Kontakt.

Bekannt sind die Begriffe „Transgender“ und „transsexuell“. Betroffene bevorzugen jedoch die Bezeichnung „transident“. Transidentität beschreibt das Phänomen, dass das biologische Geschlecht des Körpers von der empfundenen Geschlechtsidentität abweicht. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn nicht jeder transidente Mensch lässt sich behandeln. Experten gehen aber davon aus, dass von 50.000 Geburten eine Person betroffen ist. Dabei handelt es sich zu 75 Prozent um Männer, die sich als Frau fühlen.

Bruce bzw Caithlyn Jenner

ORF

Der ehemalige Sportler Bruce Jenner (rechts) ist eine der bekanntesten Transgender-Persönlichkeiten: 2015 wurde er zu Caithlyn und damit zum Vorbild für viele Personen mit Transidentität

Spießroutenlauf für Betroffene

Dass man/frau im falschen Körper geboren wurde, ist oft schon Belastung genug. Der Wunsch, das eigene Geschlecht zu ändern, war meist ein Spießrutenlauf mit vielen Ansprechpartnern. Medikamente vom Schwarzmarkt oder Operationen im Ausland waren da für viele die letzten Auswege. Betroffene suchten oft auch Hilfe oder Zuspruch in Chatrooms und verließen sich auf Auskünfte von Selbsthilfegruppen.

Transgender Center Innsbruck (TGCI)

Nun gibt es an der Klinik Innsbruck eine vernetzte Anlaufstelle. Da man dort mit interdisziplinären Gremien wie z. B. den Tumor-Boards oder dem Zentrum für Seltene Krankheiten gute Erfahrungen gemacht hat, war ein gemeinsames Board ein naheliegender Schritt. Am TGCI bündeln acht Fachbereiche ihre Kräfte.

Gemeinsam wurden Abläufe, Regeln und Qualitätskriterien erarbeitet. Diese Standards werden intern, aber auch an den niedergelassenen Bereich kommuniziert. Das Board trifft sich regelmäßig, um aktuelle Fälle zu besprechen und optimale individuelle Therapien zu planen. Indem sich die unterschiedlichen Disziplinen stark vernetzen und Erfahrungen austauschen, lassen sich die vielfältigen Maßnahmen besser koordinieren.

Gast in „Tirol heute“

Dr. Barbara Sperner-Unterweger, Direktorin der Psychiatrie II an der Innsbrucker Klinik, ist Gast in Tirol heute um 19.00 Uhr in ORF 2

Richtige und notwendige Therapie

Auf diese Weise werden die einzelnen Behandlungs- und Abklärungsschritte transparent und nachvollziehbar. Vom Erstkontakt über die diagnostische und therapeutische Phase bis hin zur postoperativen Betreuung trifft das Team gemeinsam alle wichtigen Entscheidungen und arbeitet bei Bedarf eng mit den externen Behandlern zusammen. Betroffene erhalten so nicht nur die notwendige, sondern auch die richtige Therapie.

Gabriel Djedovic, Barbara Sperner-Unterweger, Bettina Toth, Markus Rungger und Martin Fuchs

tirol kliniken/Seiwald

Dr. Gabriel Djedovic, OA an der Univ.-Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, Univ.-Prof.in Dr.in Barbara Sperner-Unterweger, Direktorin der Univ.-Klinik für Psychiatrie II, Univ.-Prof.in Dr.in Bettina Toth, Direktorin der Univ.-Klinik für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin, Dr. Markus Rungger, Stv. Direktor der Univ.-Klinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen und Dr. Martin Fuchs, stv. Direktor der Univ.-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter

Ablauf der Geschlechtsanpassung

In einem Erstgespräch an der Sexualmedizinischen Ambulanz der Psychiatrie II findet eine diagnostische Einschätzung statt. Die Transsexualität ist zunächst eine Selbstdiagnose, die an der Ambulanz in einem ausführlichen Anamnese-Gespräch bestätigt wird. Ein wichtiges Anliegen in diesem klärenden Prozess ist es, das Recht auf Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung von Betroffenen zu unterstützen. Anschließend werden die gesammelten Befunde im Transgender-Board vorgestellt.

Die Stimme wird angepasst

Externe Behandler können Betroffene mit ausreichenden Vorbefunden auch an die Trans-gendersprechstunde der Gynäkologischen Endokrinologie zur Hormontherapie überweisen. Bei dieser Behandlung werden körpereigene Sexualhormone gehemmt und gegengeschlechtliche Hormone verabreicht. Parallel dazu kann eine Stimmtherapie bzw. -anpassung an der Klinik für Hör-, Stimm-und Sprachstörungen erfolgen. Eine operative weibliche Stimmanpassung wird im Einzelfall entschieden.

Dr. Markus Rungger

Aus der für die Männer typischen Stimme mit einer Resonanz im Brustraum solle eine Stimme mit Resonanz im Kopfraum werden, erläutet Dr. Rungger.

Nach Operation nicht zeugungsfähig

Erst nachdem die Hormone mindestens ein Jahr eingenommen wurden, können sich die Trans*personen wegen einer Geschlechtsanpassung an die Plastische Chirurgie wenden. Dort werden die operativen Eingriffe gemeinsam mit der Gynäkologie bzw. Urologie geplant und durchgeführt.

Bei der Mann-zu-Frau-Anpassung werden Penis und Hoden entfernt und eine künstliche Vagina und Brüste geformt. Bei Frau-zu-Mann-Operationen werden Eierstöcke und Gebärmutter entnommen und das Brustdrüsengewebe entfernt. Auch die Konstruktion eines künstlichen Penis ist möglich. Nach den operativen Eingriffen können Trans*personen Geschlechtsverkehr haben, sie sind jedoch nicht zeugungsfähig.

Lebenslange Betreuung

Während der gesamten Behandlung werden die Personen sexual- und gegebenenfalls auch psychotherapeutisch begleitet und jeder Schritt in einer für alle Board-Mitglieder zugänglichen virtuellen Krankengeschichte dokumentiert. Die postoperative Betreuung wie etwa die Hormontherapie erfolgt ein Leben lang.

Behandlung im Kindes- und Jugendalter

Die Behandlung von unter 18-Jährigen an der Transgendersprechstunde der Kinder- und Jugendpsychiatrie verläuft anders als im Erwachsenenalter. Internationale Leitlinien sehen einen Stufenplan vor: Nach einer ausführlichen diagnostischen Phase erfolgt die Behandlung zunächst rein psychotherapeutisch, ab der Pubertät werden dann sogenannte „Hormonblocker“ eingesetzt.

Erst ab dem 16. Lebensjahr werden gegengeschlechtliche Hormone eingesetzt. Junge Menschen, die diese Schritte durchlaufen, werden von einem Team der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Gynäkologischen Endokrinologie sowie der Kinderheilkunde betreut. Eine operative Behandlung kann rechtlich erst nach Vollendung des 18. Lebensjahres erfolgen.