Die Rückkehr der Wölfe

Seit Menschengedenken rankt sich um Wölfe ein Mythos. Wild und schön sind sie, aber auch unheimlich und grausam sollen sie sein. Noch vor 100 Jahren waren die scheuen Raubtiere so gut wie ausgerottet. Jetzt kehren sie zurück - auch nach Tirol.

In Südtirol geht derzeit die Angst vor den Wölfen um. Weil ein Wolfspaar fotografiert wurde, wird angenommen, dass es Nachwuchs geben könnte und sich damit ein Wolfsrudel gebildet hat. Prompt war von politischer Seite bereits von einem möglichen Abschuss der Raubtiere die Rede - mehr dazu in Land Südtirol will Wölfe töten dürfen

Bei uns in Tirol sind Wölfe noch überaus selten. In Osteuropa, in Italien, in Deutschland und auch in der Schweiz sind die Wölfe aber bereits wieder heimisch geworden. Man geht davon aus, dass sie bei uns nur durchgezogen sind, sich aber nicht niedergelassen oder Nachwuchs zur Welt gebracht haben. In Tirol sind einzelne Tiere bisher nur in größeren Abständen gesichtet worden. Im Juni 2015 hat ein Bergsteiger in den Hohen Tauern zufällig einen jungen Wolf fotografiert, Ende desselben Jahres wurde ein Tier im Bezirk Reutte gesichtet. Und ein Wolf wurde in Gries am Brenner gesichtet.

Wolf mit Fotofalle in der Nacht aufgenommen
privat
In die Fotofalle getappt: Dieser Wolf wurde im Bezirk Reutte mit der Kamera festgehalten.

Sind wir reif für den Wolf?

Martin Janovsky ist beim Land für die großen Raubtiere zuständig, also auch für Bären und Wölfe. „Noch scheint es, als würden einzelne Wölfe nur durch Tirol durchziehen. Dass sie sich eines Tages auch hier niederlassen und Rudel bilden, ist abzusehen.“ Tirol ist vor allem von der Schweiz und Italien her praktisch von Wölfen umgeben.

Es ist keine Frage, ob der Lebensraum für die Wölfe in Tirol geeignet wäre oder nicht. Vielmehr wird sich erst zeigen, inwieweit Wölfe als große Raubtiere von der Gesellschaft akzeptiert werden würden. So wie Bären oder früher auch die Adler, erinnert sich Janovsky. „Auch bei den Adlern gab es zunächst Bedenken und Vorbehalte. Inzwischen haben die Menschen sich in den Alpen wieder an den Anblick des großen Raubvogels gewöhnt und freuen sich großteils darüber.“

Wolf in Nationalpark Hohe Tauern
Privat/NPHT
Ein deutscher Bergsteiger hat in den Osttiroler Hohe Tauern diesen Wolf mit einem Murmeltier fotografiert.

Mit Konflikten umgehen

In der Regel streifen Wölfe unbemerkt von den Menschen umher, sie legen große Strecken zurück, ohne dass jemand sie sieht. Sie ernähren sich meist von kleinerem Wild. Wer ihre Spuren entdecken will, muss ein gutes Auge dafür haben. Konflikte gibt es mit großen Beutegreifern immer nur dann, wenn sie bei Menschen, Haus- oder Nutztieren Schaden anrichten. Am gefährdetsten wären wahrscheinlich Nutztiere, etwa Schafe auf der Alm. In der herkömmlichen Tiroler Schafhaltung verstreut sich die Herde auf der Alm über ein großes Gebiet. Einzelne Tiere können so leicht Beute für einen Wolf werden.

Herdenhund zum Schutz von Schafen, Maremmen-Abruzzen-Schäferhund
ORF
Kein Wolf im Schafspelz, sondern ein Herdenschutzhund bei der Arbeit. Er soll Schafe und Ziegen unter anderem vor Wölfen schützen.

Herdenschutzprojekt in Osttirol

Europaweit haben sich Herdenschutzhunde am besten bewährt. Ein entsprechendes Projekt läuft auch in Osttirol bereits. „Es ist allerdings nicht so einfach, wie es sich vielleicht anhört,“ sagt Martin Janovsky. Die Schafe müssten erst wieder daran gewöhnt werden, von Hirten und Hunden gehütet zu werden. Sie müssen eine homogene Herde bilden, was bei Tieren von verschiedensten Bauern nicht so einfach ist. Erst wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, können Herdenschutzhunde eingesetzt werden. Wobei ein weiterer möglicher Konfliktpunkt gleich mit berücksichtigt werden muss. Wanderer, die einer behirteten Herde zu nahe kommen, noch dazu mit Hunden, könnten von den Herdenhunden als Bedrohung empfunden werden. „Rund um den Umgang mit dem Wolf gibt es also einige Punkte zu bedenken,“ sagt Janovsky.

zwei Wölfe
dpa
Rund um die Wölfe ranken sich viele Mythen, Geschichten und Ängste. Wer ihnen gerecht werden will, braucht Fakten und Wissen um ihre Natur.

Der Wolf als Gefahr für den Menschen?

Müssen Eltern Angst um ihre Kinder haben, wenn Wölfe wieder durch Tirols Wälder streifen? Dass ein Wolf einen Menschen angreifen könnte, ist sehr unwahrscheinlich, aber letztlich nicht ausgeschlossen, sagt Martin Janovsky. Eine deutlich größere Gefahr sieht er allerdings bei der Begegnung mit einem Hund. Hier würde das Haustier höchstwahrscheinlich den Kürzeren ziehen. Weil sich Hunde in den meisten Fällen bei ihren Menschen aufhalten, egal ob angeleint oder nicht, könnten bei unerwarteten Begegnungen mögliche Gefahren entstehen. Im Österreichischen Managementplan „Wolfsmanagement in Österreich. Grundlagen und Empfehlungen“ werden Begegnungen zwischen Menschen, Hunden und Wölfen dargestellt und theoretisch eingeschätzt. Grundsätzlich lässt sich aus den Fallbeispielen vor allem eines heraus lesen: Der bloße Anblick eines Wolfes ist vor allem ein einzigartiges Naturerlebnis und kein Schreckens-Szenario.

Sendungshinweis:

„Radio Tirol am Vormittag"
18. 2. 2017 ab 10.00 Uhr

Keinen Futter-Reiz bieten!

Die Hauptgefahr im Zusammenleben mit Wölfen in freier Wildbahn liegt in der zu starken Gewöhnung der Wildtiere an den Menschen. Verliert ein Wolf seine grundsätzliche Scheu vor den Menschen und seinen Behausungen könnten daraus schwierige Situationen entstehen. "Eine absichtliche oder unabsichtliche Anfütterung von Wölfen zum Beispiel durch Speisereste könnte erhebliches Konfliktpotential bergen,“ warnt Martin Janovsky. Wolfsbegegnungen zum Beispiel aus touristischen Gründen mit Futter zu provozieren, würde ohne Zweifel recht bald zu gefährlichen Situationen führen.

Dr. Martin Janovsky
privat
Martin Janovsky ist beim Land für die großen Raubtiere zuständig, die sich langsam wieder in Tirol ansiedeln. Dazu gehören Adler genauso wie Bären und Wölfe. Zu seinen Aufgaben gehört unter anderem das Konfliktmanagement. Außerdem ist er Tiroler Tierschutzombudsmann.

Regelungen bei Schäden

Noch sind Spuren oder Sichtungen eines Wolfes in Tirol wie gesagt selten. Reißt ein Wolf ein Nutztier, wird der Bauer vom Land Tirol dafür entschädigt. Es wird allerdings vorher durch Untersuchungen sichergestellt, dass tatsächlich ein Wolf und nicht etwa ein freilaufender Hund den Schaden angerichtet hat. Wenn auf einer Alm ein verendetes oder gerissenes Schaf entdeckt wird, wird oft der Wolf für den Bösewicht gehalten. Hat er nachweislich einen Schaden angerichtet, gibt es dafür auch eine Entschädigung.

Aktuelle Zahlen über gerissene Nutz- oder Haustiere gibt es für Tirol derzeit nicht. Im benachbarten Schweizer Graubünden wird aber seit 2012 Statistik über die großen Raubtiere geführt. Demnach haben Bären und Wölfe zusammen bis zum Jahr 2014 etwa 100 Schafe gerissen.

Lydia Gallo Gau; tirol.ORF.at

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