Gestörtes Verhalten bei Haustieren

„Der ist aber böse!“ heißt es schnell. Oder: „Der benimmt sich komisch!“ Die Ursachen für auffälliges oder sogar aggressives Verhalten von Haustieren können sehr vielseitig sein. Für den Tierbesitzer ist es wichtig, die Probleme nicht einfach als gegeben hinzunehmen, sondern ihnen auf den Grund zu gehen.

Der sonst so brave Hund, der plötzlich seinen Besitzer anknurrt. Der Kater, der von einem Tag auf den anderen in der Wohnung zu markieren beginnt. Die Kaninchen, die ständig an den Gitterstäben nagen oder der Hamster, der bis zur völligen Erschöpfung in seinem Hamsterrad rennt. Solche Verhaltensweisen dürfen von den Tierbesitzern nicht ignoriert werden, sagt die Tierärztin Dr. Daniela Jerger-Koller von der Tierarztpraxis Schönberg.

Was ist normal, was ist gestört?

Wichtig ist, schon geringe Veränderungen im Verhalten des Tieres zu erkennen und sie ernst zu nehmen. Oft beginnen Auffälligkeiten mit einer zunehmenden Unruhe. Oder das Tier zieht sich mehr und mehr zurück. Je besser Sie Ihr Haustier kennen und je mehr Sie sich mit ihm beschäftigen, desto leichter werden Sie ein verändertes Verhalten bemerken.

Darauf zu vertrauen, dass sich ein oft unerwünschtes Verhalten von alleine wieder ändert, könnte fatal sein. Allerdings müssen Tierbesitzer über das natürliche Verhalten ihres Mitbewohners auch genügend wissen, um es richtig einschätzen zu können. Dass eine Katze zum Beispiel an den Vorhängen hängt, wenn Sie heimkommen, ist keine Verhaltensauffälligkeit, sondern schlichtweg ihr natürlicher Bewegungsdrang. Dass Kaninchen Ihren Garten umgraben und sich Erdhöhlen bauen, ist ebenfalls ein völlig arttypisches Verhalten.

Drei Kaninchen kuscheln zusammen
privat
Artgerechte Haltung beugt Verhaltensstörungen am besten vor.

Probleme erkennen und handeln

In jedem Fall sollten Tierbesitzer sofort einen Tierarzt aufsuchen, wenn ihnen irgend etwas am Verhalten ihres Lieblings auffällt. Kennen sich Tierarzt und vierbeiniger Patient bereits von Routineuntersuchungen und Impfungen, erleichtert das die Sache. Oft sind schlicht Schmerzen oder organische Probleme der Hintergrund für ein verändertes Verhalten des Tieres. Das muss abgeklärt werden, so Tierärztin Daniela Jerger-Koller.

Tierärztin Dr. Daniela Jerger- Koller mit Riesenkaninchen
Kleintierpraxis Schönberg
Tierärztin Dr.Daniela Jerger-Koller untersucht ein Riesenkaninchen.

Häufig kommen verzweifelte Katzenbesitzerinnen und -besitzer und klagen, dass die sonst stubenreine Katze plötzlich in jede Ecke pinkelt. Hier kann eine Blasenentzündung die Ursache sein. Das Fehlverhalten des Tieres ist also auf ein körperliches Gebrechen und nicht auf eine Verhaltensstörung zurück zu führen. Wird die Katze tierärztlich behandelt, wird auch die unerwünschte Verhaltensweise wieder verschwinden.

Krankheiten als Ursachen ausschließen

Zahlreiche unerwünschte oder auffällige Verhaltensweisen sind in Wirklichkeit organische und medizinische Probleme, stellt die Tierärztin klar. Ein Hund, der Schmerzen hat, kann aggressiv reagieren. Ein Meerschweinchen mit Bauchschmerzen zieht sich wahrscheinlich völlig in sein Häuschen zurück und leidet still. Das wichtigste ist also, bei Verhaltensänderungen erst einmal seinen Haustierarzt zu Rate zu ziehen.

Haltungsbedingungen überprüfen

Ist sichergestellt, dass keine organischen Probleme vorliegen, sollten die Haltungsbedingungen des Tieres kritisch überprüft werden. Hat das Haustier genügend Auslauf und Platz? Bei Kaninchen, die in einem kleinen Gitterkäfig und noch dazu allein gehalten werden, kann das Nagen an den Gitterstäben ein Hilfeschrei sein. Immer noch wird häufig unterschätzt, wie viel Platz zum Herumhoppeln und Springen Kaninchen brauchen. Freier Auslauf, am besten im Freien, ist unbedingt notwendig.

Kleiner Bub mit zwei Kaninchen
privat
Kaninchen brauchen viel Platz und liebevolle Betreuung, so bleiben sie gesund.

Etwas gemächlicher sind zwar Meerschweinchen, werden sie allein gehalten, sind sie aber fast immer völlig apathisch und bewegen sich kaum. Hier führt also eine artuntypische Haltung zu einer Verhaltensstörung. Denn an sich sind Meerschweinchen gesellige, fröhliche und im wahrsten Sinne des Wortes quietschvergnügte Gesellen.

Das Laufen der Hamster im Hamsterrad wird von Fachleuten zunehmend kritisch gesehen. Haben die putzigen Tiere zu wenig Möglichkeiten zum Durchschlüpfen, sich Verstecken, Entdecken und Herumklettern, nehmen sie das Rad fast zwanghaft zum Laufen. Verletzungen an den Krallen, Wirbelsäulenschäden oder das Rennen bis zur völligen Erschöpfung können die Folgen sein. Auch in diesem Fall führt also eine nicht artgerechte Haltung zu einer Verhaltensstörung, die körperliche Gebrechen oder sogar den Tod des Kleintieres nach sich ziehen kann.

Kleine Katze im Katzenkorb
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Katzen reagieren auf Veränderungen in ihrem Haushalt besonders sensibel.

Veränderungen im Umfeld bedeuten Stress

Katzen reagieren besonders empfindlich auf Veränderungen in ihrer gewohnten Umgebung. Ein Umzug ist für sie ein Horror. Aber schon neue Möbelstücke oder der Einzug eines fremden Menschen in den Haushalt kann zu Verhaltensstörungen führen. Das Markieren mit Urin, aggressives Kratzen oder ein völliges Zurückziehen können die Folgen sein. Helfen könnte man einer Katze, indem zumindest ihre alten Schlafkörbe, ihr Spielzeug oder der Kratzbaum an gewohnter Stelle bleiben bzw. mit übersiedeln. Stress führt bei den meisten Tieren zu verändertem Verhalten.

Zwei Meerschweinchen mit Karotte
privat
Immer zusammen und eine Karotte dazu: so fühlen sich Meerschweinchen wohl

Sendungshinweis:

„Radio Tirol am Vormittag"
1. 2. 2014 ab 10.00 Uhr.

Einsamkeit macht krank

Sehr oft werden Tiere verhaltensauffällig, die zu lange allein gelassen werden. Hunde vertragen Einsamkeit besonders schlecht. Ohne ihr menschliches Alphatier oder ihr Familienrudel fühlen sie sich einsam und unglücklich. Besitzer, die nach einem langen Arbeitstag selbst müde und genervt nach Hause kommen, müssen sich nicht wundern, wenn der Hund in den langen Stunden allein die Wohnung zerlegt hat.

Katzen gelten zwar als Einzelgänger und vertragen sich bestimmt nicht mit jedem Artgenossen. Wenn sie tagsüber allein in der Wohnung sein müssen, empfehlen Fachleute aber eine zweite dazu zu nehmen. Am besten ein Mutter/Tochter-Paar oder Geschwister aus dem gleichen Wurf.

Änderungen im Verhalten unserer Tiere sollten immer ernst genommen werden. Manchmal ist die Ursache mit Hilfe eines Tierarztes schnell gefunden. Manchmal beginnt eine verzweifelte Suche, die viel Zeit und Geduld in Anspruch nehmen wird. Für die Beziehung zwischen Mensch und Tier werden all diese Bemühungen aber vor allem das Band stärken, das uns mit unseren Vierbeinern verbindet.

Lydia Gallo Gau; tirol.ORF.at

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