Gassirunde wird zum Spießrutenlauf

Eigentlich wollte man einen Hund, um mit ihm die Freizeit in der Natur zu verbringen, gemütlich spazierend oder sportlich unterwegs. Und dann das: Wen knurrt der Hund diesmal an, mit welchem Hund kommt es zum Kampf? Immer mehr Hundehaltern bereitet die Gassirunde Kopfzerbrechen.

Der Hund, der bei jedem Spaziergang wie wild an der Leine zieht und jeden Vorbeigehenden versucht anzuspringen. Der Hund, der aggressiv knurrt und bellt, sobald ein anderer Hund an ihm vorbeigeht. Der Hund, der jeden Radfahrer zu jagen versucht. Der Hundebesitzer, der weite Anfahrten zu einem entlegenen Spazierweg oder Gassirunden um Mitternacht in Kauf nimmt, um keinen anderen Hunden zu begegnen. Der Hund, der die Rufe seines Herrchens nicht hören will und am Spazierweg über einen anderen Hund herfällt. Besitzerinnen und Besitzer solcher Hunde haben ein Problem, für sie ist jeder Spaziergang ein Spießrutenlauf.

Hund springt an Spaziergängerin hoch
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Bei 99 Prozent der Spaziergänger unbeliebt - von einem fremden Hund angesprungen zu werden.

Mehrere Gründe für negatives Verhalten

Warum sich ein Hund an der Leine aggressiv verhält, kann mehrere Gründe haben, sagt Problemhundetherapeutin Brigitte Kann aus Alpbach: Möglicherweise hat der Hund in der Vergangenheit negative Erfahrungen mit anderen Hunden, auch bestimmten Rassen oder Fellfarben gemacht, ist eventuell gebissen und verletzt worden. Manche Hunde knurren aus Unsicherheit und Angst, andere Hunde wollen durch aggressives Verhalten ihre Position stärken.

Problemhundetherapeutin Brigitte Kann mit Hündin Kira
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Problemhundetherapeutin Brigitte Kann mit Hündin Kira

Rangordnung ungeklärt

Vielfach sei die Wurzel des Problems auch am oberen Ende der Leine zu suchen, sagt Problemhundetherapeutin Kann: „Aufgrund mangelnder Führung des Hundehalters ergeben sich aus Sicht des Hundes ungeklärte Rangordnungsverhältnisse.“ Gerade an der Leine ist die hündische Körpersprache eingeschränkt. Trifft man beim Spaziergang deshalb auf andere Hunde, ist es wichtig, dem Hund zu zeigen, dass er sich auf seinen Halter verlassen und sich an ihm orientieren kann. Bleibt Herrchen oder Frauchen passiv, dann wird das vom Hund als Schwäche gedeutet und er glaubt, die Führung übernehmen zu müssen. Dies führt beim Hund zu Stress, da es ihm schwer fällt, diese Führung zu übernehmen.

Viele Hundehalter haben deshalb das Gefühl, dass sich ihr Hund ohne Leine friedlicher verhält. Die Lösung ist aber laut Problemhundetherapeutin Kann nicht, den Hund immer von der Leine zu lassen. Wird der Hund „zu früh“ freigegeben, wird er dabei völlig auf sich selbst gestellt, die Rangordnung muss geregelt werden und dabei können durchaus auch die Fetzen fliegen. Die meisten Hunde sind freundlich, andere wiederum verhalten sich sehr aufdringlich und wollen die Rangordnung klären. Brigitte Kann empfiehlt deshalb, dem eigenen Hund beim ersten Kontakt mit einem unbekannten Hund zur Seite zu stehen und ihm so Sicherheit zu vermitteln.

Hunde beschnüffeln sich
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Zwei einander fremde Hunde lernen sich kennen und werden von ihren Haltern dabei allein gelassen und gleichzeitig in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt.

Erziehung von Anfang an

Hält der Hund bereits als Welpe Einzug im Haushalt, ist es wichtig, nicht in den ersten Wochen und Monaten die Erziehung schleifen zu lassen, nur weil der kleine Mitbewohner so putzig dreinschaut. Welpen sind sehr aufnahmefähig und müssen für richtiges Verhalten gelobt werden. Wird der Welpe für erwünschtes Verhalten nicht gelobt, wird er das nächste Mal etwas anderes ausprobieren, um beachtet zu werden, sagt Brigitte Kann: „Ein Beispiel: Ein Welpe begegnet beim Spaziergang einem anderen Hund und verhält sich ruhig und abwartend. Wir empfinden das als selbstverständlich. Wenn wir unseren Welpen nicht bestätigen, dass es richtig ist, anderen Hunden ruhig zu begegnen, dann wird er ein anderes Mal auf einen fremden Hund zurennen und möglicherweise anrempeln.“

Sendungshinweis:

„Radio Tirol am Vormittag“,
14. 12. 2013, 10.00 Uhr

Dem Hund Alternativen aufzeigen

Ist der Hund beim Einzug in sein neues Zuhause bereits etwas älter und hat er in der Prägephase negative Erfahrungen gemacht, wird es bereits schwieriger, daran zu arbeiten, denn geprägtes Verhalten wird immer über trainiertem Verhalten stehen. Dennoch sagt Brigitte Kann: „Man soll niemals einen Hund aufgeben sondern immer versuchen, ihm zu helfen. Ich habe schon viele Hunde erlebt, wo wir aufgrund ihrer Vorgeschichte von einem geprägten Verhalten ausgingen, dies jedoch beim Aufzeigen von Alternativverhalten therapiert werden konnte.“ Ein häufiges Problem für viele Hundehalter ist etwa, dass der Hund beim Spaziergang jeden anbellt. Die Reaktion vieler Hundehalter ist, dem Hund mit „Nein“ oder „Aus“ das Bellen zu verbieten. Diese Maßnahme helfe, wenn überhaupt, nur für den Moment. Besser sei es, dem Hund zu zeigen, was er stattdessen tun könne: „Würden wir dem Hund zeigen, dass die Orientierung an uns für ihn sehr positiv ist, dass wir ihn sicher an anderen Hunden vorbeiführen können und es ihm dabei gut geht, dann würden viele Hunde sicher ihren Menschen gerne als Alternative annehmen.“

Hunde kämpfen
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Hier testen die beiden Hunde, wer der Stärkere ist. Gelegentlich kann sich einer der beiden Hunde in dieses Klären der Rangordnung hineinsteigern und es folgt ein Kampf.

Auf Körpersignale achten

Schaukelt sich die Situation beim Kontakt mit anderen Hunden hoch, reagieren viele Hundehalter oft zu spät. Es ist wichtig, früh genug die Körpersignale des Hundes richtig zu deuten und darauf einzugehen, um die Führung übernehmen zu können. Erste Anzeichen, dass die Situation brenzlig werden könnte, sind fixieren und ein schleichender Gang.

Gelingt es dem Halter nicht, die Situation zu beruhigen, kann es sein dass die Hunde aufeinander losgehen und zu kämpfen beginnen. Ob und wie man in einen derartigen Kampf als Halter eingreifen will, muss nach eigenem Ermessen erfolgen. Es kann hierbei durchaus passieren, dass man „im Eifer des Gefechts“ vom eigenen Hund gebissen wird, da er nicht mehr unterscheiden kann ob der Griff ans Halsband die Hand des Besitzers oder das Maul seines Kontrahenten ist.

Hunde kämpfen
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Der linke Hund unterwirft den weißen Hund. Er legt seine Pfote auf den Rücken des anderen und hält den Kopf des anderen durch beissen unten.

Wenn sich Hundehalter mit ihrer Situation überfordert fühlen, wird der Spaziergang zum Spießrutenlauf und für Hund, Halter und unbeteiligte Dritte immer schwieriger. Spätestens dann sollten sie sich professionelle Hilfe bei Hundetrainern bzw. Problemhundetherapeuten suchen. Vor Beginn einer Therapie ist es empfehlenswert abzuklären, ob der Hund gesund ist, denn auch organische Probleme können sich auf das Verhalten im Alltag auswirken.

Problemverhalten oft nur Symptom

Problemhundetherapeutin Brigitte Kann beginnt eine Therapie damit, den Hund im gewohnten Umfeld zu beobachten. Das Problem aus Sicht des Hundehalters ist meist nur ein Symptom, die Ursache liegt oft tiefer. Deshalb wird ein guter Trainer dem Hundehalter viele Zusammenhänge mit anderen Alltagssituationen deutlich machen, damit der Hund das Problem nicht an anderer Stelle kompensieren muss. Brigitte Kann verfährt in ihrer Therapie nach dem Ansatz, dem Hund sein Verhalten nicht zu verbieten, sondern ihm Alternativen aufzuzeigen. Wenn der Hundehalter aktiv ins Geschehen eingreift und den Hund für sein Zurücknehmen bestätigt, wird sich der Hund in Zukunft mehr und mehr zurücknehmen und dem Menschen vertrauensvoll die Führung überlassen.

Eigenes Auftreten hinterfragen

Für viele Hundehalter heißt es dann aber auch, sich selbst und ihr Auftreten zu hinterfragen und zu verändern. Je konsequenter Menschen in der Arbeit mit ihren Hunden sind, desto schneller kann sich das neue und erwünschte Verhalten beim Hund festigen. Teilweise seien schon am ersten Tag deutliche Veränderungen festzustellen, gibt Problemhundetherapeutin Brigitte Kann allen verzagten Gassigehern Hoffnung …

Link:

Natalie Wander; tirol.ORF.at

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